Die Dinge, die ich meine: Von Diagnosen und Füchsen

Schweigefuchs-Tag

Heute ist wieder einmal so ein Tag, an dem mir jede Motivation zu fehlen scheint. Er besteht aus ganz vielen "Eigentlichen" und "Müßten". Es fühlt sich so an, als käme ich nicht aus meinem Kopf heraus. Eine Leere, übervoll.

Schweigefuchs-Tag. Aber innen. So ähnlich hab ich es vor einigen Wochen auf Twitter beschrieben.

Weil es ganz oft so ist. Nebel im Kopf, oder Watte. Vielleicht auch Bauschaum, fest und alles ausfüllend. Ist das dieser sogenannte „Brain fog“?  Keine Ahnung.

 

Echt? Das Oktaskop?

Dies hier war in der Vergangenheit immer mein Platz für solche Gedanken. Dann lange Zeit nicht mehr. Nun möchte ich ihn, den Blog, gerne wieder dazu werden lassen, doch ich merke, daß das gar nicht so einfach ist. Statt darüber zu schreiben, was mir wirklich wichtig ist, schreibe ich lieber (erneut!) über mein Oktaskop. Das ist doch verrückt.

(Oh, hab ich verrückt geschrieben? Hmm. Da wird es schon schwierig, nicht? Ist das schon Ableismus? Vermutlich ja, ich bitte um Entschuldigung. Es ist auch ein Lernprozeß, solche Dinge zu vermeiden.)

Wo war ich? Ach ja. Das Oktasko... nein, die Dinge, die wichtigen Dinge.

 

Not just sad

Da wäre zum Beispiel meine Depression. Ja, nun ist es raus. Frau Magrat ist #notjustsad, wie es so schön heißt. Lange habe ich mich gegen diese Erkenntnis gewehrt. Schließlich lag ich noch nie wochenlang nur im Bett, unfähig aufzustehen, rauszugehen. Ich lache viel und überhaupt - Depressiv? Ich? Niemals!
Die Wahrheit ist aber eine andere. Die Wahrheit ist, ich kämpfe schon sehr lange mit Depressionen. Seit meiner Schulzeit, und das ist schon eine ganze Weile her.

Bin ich inzwischen in Therapie deswegen? Ja. Seit November letzten Jahres. Der Antrag auf Langzeit-Therapie ist gestellt.
Nehme ich Medikamente deswegen? Nein. Jedenfalls noch nicht, wer weiß, wie es so weitergeht.
Hilft mir die Therapie? Nun ja, ja. Doch. Der Blick von außen hilft. Rückt Dinge gerade, die vorher ver-rückt waren. Perspektive. Sichtweise. Realität.
Das geht alles nicht von heute auf morgen, das macht nicht, daß das einfach „weggeht“. Etwas, was so viel Zeit hatte, sich einzunisten, sich bei mir zu Hause zu fühlen, das geht nicht einfach wieder weg. Vielleicht nie mehr. Aber es läßt sich mit der Zeit vielleicht einfacher in seine Schranken weisen.

 

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Und dann wäre da noch meine andere Diagnose. Die, die für mich nicht überraschend kam. Die, bei der ich selbst den Verdacht schon seit über zehn Jahren hatte. Damals unternahm ich sogar einen ersten Anlauf - suchte jemanden, der die entsprechende Diagnostik durchführen könnte. Ein erster Schritt führte mich damals in eine Autismus-Ambulanz - nach einem einstündigen Gespräch bestätigte man mir einige Wochen später schriftlich, daß mein Verdacht durchaus berechtigt sei, man selbst aber nicht diagnostizieren und auch keinen Diagnostiker empfehlen dürfe.
Das beruhigte mich einerseits - und legte mir andererseits einen neuen, riesenhaften Felsbrocken in den Weg. Ich gab die Suche nach einem Diagnostiker auf, noch ehe sie richtig begonnen war, weil mir die nötige Kraft dazu fehlte. Wie hätte ich das auch machen sollen? Wenn schon jedes Telefonat eine Qual ist und unheimlich viel Überwindung kostet?

Dann vergingen etliche Jahre. Jahre, in denen ich als Freiberufliche Fotografin arbeitete, später auch als Kursleiterin an einer VHS und wieder später an einer Jugendkunstschule. Die Betonung liegt auf „arbeitete“. Vergangenheit. Denn früher oder später kam ich jedesmal wieder an meine Grenzen. Konnte nicht mehr. Aus Gründen. Und ich fing von neuem an zu erforschen, was das für Gründe waren. Was dahinter steckte. Irgendwann beschloß ich, es doch noch einmal zu wagen, und machte mich auf die Suche. Ich begann von neuem zu recherchieren... doch diesmal hatte ich mehr Glück.

Inzwischen hab ich sie. F89.5 heißt sie. Asperger-Autismus (auch, wenn der Begriff bzw. die Unterscheidung „Asperger“ inzwischen beinahe obsolet ist - was bleibt, ist Autismus).
Schwarz auf Weiß. Zum Angucken und Anfassen. Das große Gefühl der Erleichterung war dann am Ende gar nicht mehr so groß. Im Gegenteil - noch immer fühlt es sich ein Stück weit unwirklich, surreal an. Gleichzeitig aber ist es einfach die Antwort auf alles: Auf die Frage nach meinem Leben, meinem Universum und dem ganzen Rest.

 

Nun ja. Das sind sie, die Dinge, über die ich hier schreiben möchte. Eigentlich.

Und ich sehe gerade: Der Anfang ist ja jetzt gemacht.

 

 

 

4 Kommentare

  1. Veröffentlich von Fellmonsterchen am 22. Juli 2019 um 00:55

    Willkommen im D-Club. Ich bin sehr gespannt, was Du noch berichten wirst, da ich selbst wg. Depressionen in Behandlung bin, kann ich das alles glaube ich ziemlich gut nachvollziehen, was nicht Betroffene glaube ich nie 100 %ig können, auch wenn sie es respektieren und ernst nehmen.
    Woran hast Du erkannt bzw. den Verdacht gehabt, dass Du Autismus hast?
    Liebe Grüße
    Katrin
    :teddy: :teddy: :fellmonster: 

  2. Veröffentlich von Magrat am 23. Juli 2019 um 10:32

    Huhu, liebe Katrin… so schön, Dich hier wiederzulesen! :fellmonster: :heart: 

    Ja, das ist ein wichtiger Punkt, den Du da ansprichst – wenn man das nicht selbst erlebt hat, kann man sich das vermutlich wirklich nicht richtig vorstellen. 
    Gut, daß Du Dir da auch Hilfe gesucht hast… das ist so wichtig. 

    Dieser Verdacht kam schleichend – ich hatte vor Jahren, ursprünglich wegen der Rüben angefangen zu recherchieren, unter anderem las ich ein Buch über ADS. Da fand ich mich plötzlich schon in einigen Dingen wieder, aber dann stand dort auf einmal etwas über Differentialdiagnosen, und dabei wurde eben auch Autismus erwähnt. Zunächst fand ich das absurd, das gängige Autismus-Klischee saß ja recht fest, aber dann las ich weiter – und konnte nicht fassen, was da stand. Von da an sammelte ich alle Informationen, die ich bekommen konnte. (Das war vor 10, 11 Jahren noch nicht ganz so viel wie heute, zum Glück tut sich da etwas.)

    Im Vordergrund stand eigentlich, daß ich mich darin so gut wiederfand. Zum ersten Mal. Dieses Gefühl, anders zu sein, nicht dazuzugehören, das mich mein ganzes Leben begleitet hatte,  die Tatsache, daß mir viele Dinge einfach so schwer fallen, die ständige Überforderung, meine sensorische Überempfindlichkeit… aber auch meine häufigen „Wut“-Ausbrüche… die ja gar keine waren, da war vor allem immer ganz viel Hilflosigkeit – meine Probleme im sozialen Bereich (Freundschaften, Partnerschaften)… mein holperiger Weg durch Ausbildung und Beruf…  also wirklich alles paßte auf einmal einfach zusammen. 

    Das war absolut faszinierend. Aber die Zweifel blieben natürlich. Lese ich mir das nur an? Bilde ich mir alles ein? Bin ich einfach nur ein Versager, nur faul? Ich glaube, deswegen hat das bis zur Diagnose auch so lange gedauert. 

    Aber … dazu werde ich nochmal ausführlicher etwas schreiben. :pitti: 

    Liebe Grüße zurück! 

     

     

     

  3. Veröffentlich von Ralph am 5. September 2019 um 12:36

    Hallo, liebe Mandy – da bin ich ja fast froh, einfach nur ein Misanthrop zu sein ;) Denn ein depressives Asperger-Autismus-Syndrom auf der Welle 89,5 möchte ich einfach nicht haben. Auf 89.5 läuft hier NDR1-Niedersachsen – ist sicher ähnlich ;) Hilft Humor? Ist er unpassend? Er ist jedenfalls ein schönes Kleid, um Ratlosigkeit zu verpacken. Aber ist Rat überhaupt gefragt? Ungefragt sicher nicht – aber ein Rad hilft. Zwei noch mehr – und vier erst recht. Wenn Ihr – oder Du – mal einen Tapetenwechsel braucht und jemanden in Niedersachsen besuchen wollt: Hier steht unsere Tür immer offen (aber nur symbolisch. Es gibt ja viele schlechte Menschen :). Mehr fällt mir im Moment nicht ein … aber liebe Grüße lasse ich natürlich noch da. Ralph

    • Veröffentlich von Magrat am 10. September 2019 um 10:27

      Huhu, lieber Ralph, das ist aber schön, hier wieder einmal von Dir zu lesen! :)

      Humor ist selten unpassend, mach Dir da keine Gedanken. Ohne würde es gar nicht gehen.
      Ich mag den Vergleich sogar, mit dem Radiosender (auch, wenn ich NDR1 jetzt nicht so einschätzen kann ;) ) – vielleicht ist das sogar ein ganz guter Vergleich – man sendet und empfängt ja oft auf verschiedenen Kanälen, das macht Kommunikation manchmal schwierig bis unmöglich. Und übrig bleibt manchmal nur ein Rauschen, das einen in den Overload treibt.

      Das mit dem Tapetenwechsel und dem Niedersachsen-Besuch klingt sehr, sehr gut. Eine passende Gelegenheit, NDR1 zu hören wäre das! Und wir fallen auch nicht mit der offen verschlossenen Tür ins Haus, versprochen!

      Ganz viele liebe Grüße, und vielleicht ja bis bald? Ich würde mich freuen…
      Mandy

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