Kleines Sternchen Paul

Eine Kerze für Sternenkind Paul

Ich möchte Euch von Paul erzählen. Paul ist ein kleiner Junge, am 1. April 2015 kam er auf die Welt. Er hat das Leben seiner Mama Jennifer verändert, und er wird nie vergessen sein.

Ende März war es, als in der Facebook-Gruppe der Organisation „Dein Sternenkind“ gefragt wurde, wer den kleinen Paul fotografieren könne. Er war in der 28. SSW (Schwangerschaftswoche) im Bauch seiner Mama gestorben, und nun sollte die Geburt eingeleitet werden. Zwei andere Sternenkind-Fotografinnen, Susann Müller und Heike Halusa, hatten sich spontan bereit erklärt, doch nun war bei beiden etwas dazwischengekommen. Da eine Einleitung langwierig sein kann, kann man nur schwer planen. Wir wollten aber, daß auf jeden Fall jemand von uns da sein würde.

Schnell sagte ich zu. Die HELIOS-Klinik Sangerhausen ist nur eine dreiviertel Stunde von mir entfernt. Ich war aufgeregt.

Am Morgen des 1. April rief mich Jennifer an, Pauls Mama. Erneut hätten sie eine Geburtseinleitung durchgeführt, nun wartete sie. Sie wartete bereits seit einigen Tagen. Ganz allein war sie in der Klinik, ohne Familie. Doch Vanessa von SternenWutz war bei ihr, war zu ihr gefahren, als sie ihre Geschichte gehört hatte. Vanessa hat darüber geschrieben, schaut einmal hier: 

https://www.facebook.com/SternenWutz/posts/467240086765912

Inzwischen hatte sich Vanessa wieder auf den Heimweg gemacht. Jennifer war bereit, ihren kleinen Sohn zu bekommen.

Am Morgen des 1. April hatte sie mich angerufen. So traurig klang sie, und so tapfer. Ich versprach, daß sie nicht allein sein würde, daß Susann oder ich kommen würde, wir würden diese wichtigen Fotos machen.

Nur eine knappe Stunde später der nächste Anruf. Paul ist da. Paul ist geboren. Ich setze mich ins Auto und fahre los.

 

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Jennifer ist stark. Paul ist bei ihr, liegt neben ihr im Bett. Sie können kuscheln und voneinander Abschied nehmen.

Wir reden leise. Wir überlegen uns, daß ich die Bilder von Paul nicht stark verändern werde. Ein wenig ja, aber er wird am Ende so aussehen, wie nur Paul aussieht. Das ist in Ordnung für seine Mama, sie liebt ihn so, wie er ist.

1. April 2015
08:47 Uhr
850 Gramm
37 cm

Fast eine Stunde bleibe ich, dann mache ich mich wieder auf den Weg.

Schnell bearbeite ich die Bilder, Jennifer soll sie ganz bald haben. Ein kleines blaues Püppchen schicke ich mit, und ein kleines Leporello-Album. Per Express soll die Post es liefern, damit sie die Bilder bald in ihren Händen halten kann.

 

Erinnerungen - Sternenkind Paul
Erinnerungen – Sternenkind Paul

 

„Unser Sohn Paul
wurde geboren.
Für einen kurzen
Augenblick
hielt die Welt
den Atem an.
Du hast sie verändert, Paul,
nichts wird mehr sein, wie es war.“

Ich bin wütend: Die Post spielt nicht mit, das Express-Päckchen landet in Leipzig, statt am Freitag wird es erst am Montag zugestellt.

Und am Montag ist die Trauerfeier. Jennifer und ich schreiben uns ganz oft über Whatsapp, Fotos zeigt sie mir, den kleinen weißen Sarg hat sie mit Blumen bemalt, er ist wunderschön.

Sterne hat sie gebastelt. Und kleine Ketten – eine für sich, eine für Paul.

Sie ist stark. Sie möchte anderen Eltern, anderen Müttern helfen, die auch so etwas Furchtbares erleben. Den Info-Flyer von „Dein Sternenkind“, den ich ihr dagelassen hatte, gibt sie Ihrer Hebamme weiter. Auch den Bestatter, der sich um sie und um Paul kümmert, informiert sie. Danke, Jennifer.

Am Montag, am 13. April, um 14.30 Uhr, zünde ich zu Hause ein kleine Kerze an. Für Paul. Ich mache ein Foto von der brennenden Kerze und schicke es seiner Mama, sie hat mich darum gebeten. In einem Album sammelt sie all die Erinnerungen:

 

Eine Kerze für Sternenkind Paul
Eine Kerze für Sternenkind Paul

 

Hier geht es zu SternenWutz: sternenwutz.jimdo.com

Tragt es weiter.

Und lasst niemanden mit so einem Schicksal allein.

 

Anmerkung: Der Artikel erschien ursprünglich am 3. Mai 2015 auf meiner Webseite www.sichtweise-fotodesign.de und hatte ungeahnten Zuspruch. Ich möchte allen danken, die sich den Moment Zeit genommen und diese Zeilen gelesen haben. Allen Sternenkind-Mamas, die sich bei mir gemeldet und/oder kommentiert haben, möchte ich ebenfalls danken. Die Kommentare werde ich hier unter dem Artikel noch einmal veröffentlichen.

[Edit: 05.12.2017]

 

„Man muß es einfach mal tun…“

Dein Sternenkind - Logo

Diese Worte spricht Kai Gebel, der Initiator von „Dein Sternenkind“ in dem Video, in dem die „Initiative des Jahres 2014“  und somit Preisträger des Gesundheitspreises „pulsus“ vorgestellt wird, schaut mal bitte hier auf der Webseite der Techniker Krankenkasse, das Video ganz unten:
http://www.tk.de/tk/ueber-die-tk/gesundheitspreis-pulsus/videos-2014/521338

Ich möchte gar nicht so viel über „Dein Sternenkind“ als Organisation schreiben, alle Informationen für betroffene Eltern und Angehörige, für Fachpersonal und vor allem auch für Fotografen, die sich vorstellen können, ganz besondere, ganz wichtige Bilder zu machen, gibt es auf der Sternenkind-Webseite:
http://www.dein-sternenkind.eu

Was er mit „einfach mal tun“ meint, ist jedoch alles andere als einfach. Es geht um Fotografien von Kindern, die bereits tot geboren werden, oder von Kindern, die auf Grund von schweren Erkrankungen oder Fehlbildungen nur ein paar wenige Minuten oder Stunden leben werden. Manchmal wissen es die werdenden Eltern schon recht lange vor der Geburt, daß ihnen nur sehr wenig oder gar keine gemeinsame Zeit mit ihrem lebenden Kind bleiben wird. Manchmal aber kommt es für alle völlig überraschend, ein gesundes, munteres Kind hört plötzlich auf, sich im Bauch der Mutter zu bewegen, und bei der nächsten Untersuchung wird es zur furchtbaren Gewissheit – das kleine Herz schlägt nicht mehr. Was auch immer der Grund ist, wie auch immer es passiert ist – immer wird die Mutter ihr Kind auf die Welt bringen und sich von ihm – von ihrem Sternenkind – verabschieden müssen.

Ich bin jeden Tag dankbar für meine drei Rüben, ich kann mir nicht vorstellen, was das für eine Mutter, für einen Vater bedeutet. Es muß die Hölle sein. Den Eltern bleibt meist nichts als die Erinnerung, und oft vielleicht nicht einmal die – denn in diesem Ausnahmezustand ist man bestimmt kaum in der Lage, all die Dinge um sich herum zu erfassen.

Als eine Hebamme in der Klinik, in der ich inzwischen mehrere Hundert Neugeborene fotografiert habe, eines Tages – es war kurz zuvor ein Sternenkind geboren – beiläufig den Satz sagte: „Es gibt ja sogar Fotografen, die dann extra kommen, um ein Sternenkind zu fotografieren…“, fing ich an, mich damit näher zu beschäftigen. Davon hatte ich vorher nie gehört. Schnell stieß ich auf die amerikanische Organisation „Now I Lay Me Down To Sleep“ (NILMDTS), welche Fotografen listet, die Sternenkind-Eltern diese wichtigen Erinnerungen schenken – in Form von Fotografien, die so wichtig sein können für die Trauerarbeit – selbst dann, wenn sie vielleicht niemals angeschaut werden, einfach weil man weiß, daß es diese Bilder noch gibt.

Nicht lange darauf gab es dann hier in Deutschland „Dein Sternenkind“ – als ich mich endlich dort anmeldete, hatte ich bereits mein erstes Sternenkind fotografiert. Ein kleiner still geborener Junge und seine Eltern – und ich werde es nie vergessen. Es war bewegend, und so traurig… ich habe fotografiert und geweint. (Es gibt Fotografen, die erst „hinterher“ weinen – ich wünschte, ich könnte das – aber es ist, wie es ist, und ich denke, es ist okay.)

Ein halbes Jahr danach war ein kleiner Brief von der Mama in der Post… sie schrieb, wie dankbar sie für die Bilder sei, da sie jetzt das einzige sind, was sie von ihrem Sohn noch hat. Der Brief schlummert hier neben mir in einer Schublade – er hat mir gezeigt, daß es richtig war, diese Bilder zu machen.

Doch manchmal ist kein Fotograf da, wenn es passiert, viele Hebammen, das Klinikpersonal, die Eltern wissen noch nicht, daß es „Dein Sternenkind“ gibt, daß es (immer mehr) Fotografen in ganz Deutschland gibt, die ihnen diese Fotos schenken können. Dann kann es sein, daß trotzdem Bilder gemacht werden, vom Vater, oder von der Hebamme, und diese Fotos sind dann oft so, wie solche Fotos nun mal sind: Dunkel, verrauscht, das Kindchen mit all den Veränderungen, die es dann vielleicht schon gibt, oder mit all den angebrachten Schläuchen und Pflastern, wenn man es erst noch beatmet hat… und dann die Bitte: Können Sie diese Bilder noch bearbeiten? Den Schlauch wegmachen? Den Tubus…?

Diese Anfrage bekam unlängst eine Fotografin – und sie stellte sie mit der Bitte um Hilfe in unsere „Dein Sternenkind“-Fotografen-Gruppe auf Facebook. Eine Gruppe, die Shootings organisiert und in der man sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite steht und manchmal auch „nur“ Trost spendet. Da jeder Fotograf anders – sowohl technisch als auch stilistisch – an die Bildbearbeitung herangeht, ist es manchmal so, daß man sich zu zweit oder mehreren an der Bearbeitung dieser besonderen Bilder versucht. So kam es, daß eine Berufskollegin und ich uns der Fotos von einem kleinen Mädchen annahmen – Nila starb kurz nach ihrer Geburt.

Nachdem wir unsere Arbeit beendet und die fertigen Fotos den Eltern zurückgesendet hatten, bekamen wir kurz darauf eine Antwort von Nilas Mama. Sie ist mit der Veröffentlichung ihrer Worte hier einverstanden, worüber ich mich sehr freute:

Ich bin zu Tränen gerührt.  Die Fotos sind so wunderschön geworden, besonders das, wo sie ursprünglich den Tubus hatte. Das Foto ohne Tubus war einige Momente, nachdem sie den Tubus gezogen haben. Deshalb freue ich mich ganz besonders über das Bild, wo ihr den Tubus wegretuschiert habt, denn da ist noch Leben in ihr. Und ja, sie heißt Nila, auf Indisch Mond….. von dort aus schaut sie uns nun zu.
Ich weiss nicht wie ich euch danken soll ??

 

Ich denke, das bedarf keiner weiteren Worte. Danke für das Vertrauen, Nilas Mama!

 

Aber eins noch: Es fehlen noch immer Fotografen. Wenn ihr Angst habt, glaubt, das nicht zu können, weil es so furchtbar und traurig ist – ihr habt Recht. Es wäre nicht normal, hättet ihr keine Angst davor, oder keine Bedenken. Also – denkt drüber nach, und denkt an Kais Worte: „Man muß es einfach mal tun…“.

Noch eins: Es passiert jeden Tag. Laßt Eltern, die ihr Kind verloren haben, nicht allein. Schaut und lest bitte hier: http://de.wikihow.com/Hilf-Eltern-während-der-Trauer-um-ihr-Kind

Und noch eine letzte Bemerkung: Sagt es weiter. Oder werdet Sponsor (ihr bezahlt nicht uns Fotografen, aber Flyer und Porto kosten Geld…).

(Auf meiner Webseite findet ihr ebenfalls Informationen (http://sichtweise-fotodesign.de/dein-sternenkind), ich habe diesen Artikel trotzdem hier im Blog veröffentlicht, einfach weil er eine größere Reichweite hat. Im kleinen Blog meiner (geschäftlichen) Webseite werde ich aber noch einmal hierher verlinken… )