Blatt

Die haben jedenfalls so eine Fläche, eine Oberfläche. Man sagt übrigens nur Oberfläche, nicht aber Unterfläche oder Drunterfläche, nicht einmal Untenfläche. Hab ich alles noch nicht gehört. Diese ist abweisend. Und zwar nicht zu mir, sondern Wasser. Das betrifft mich allerdings nicht, daher zähle ich mich auch nicht zu den Betroffenen. Betroffen machen mich hingegen meine Passanten, und ich sage da ganz bewußt „meine“, denn sie passierten mich. Nicht, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Im Gegenteil, es war sogar beinahe zu viel der Würde, denn einige konnten ihre Blicke offenbar gar nicht mehr von mir abwenden. Wie ich da so hockte, so halb hing, ein Knie mein Kinn stützend, das andere vortrefflich abgesenkt, mein durchaus vorhandenes Gewicht wacker haltend, auf diese Weise beinahe eins werdend mit dem bordgewordenen Naturstein, so ein absperrendes, stadtverschönerndes Bauelement, so ein kindgebliebenes Mäuerchen, so ein Stein eben.
Tropfenblatt
Tropfenblatt – Schnödes Handyfoto, beinahe im Vorbeigehen
Vor jenem nun diese Blätter, und über mir der ehemalige Regen. Es ist trocken, die Sonne scheint. Irgendwo auf der Welt und hier hinter den Wolken. Der Regen nun war tropfweise gefangen worden, und zwar auf. Mittels besagter Oberfläche, die von so wundersamer Beschaffenheit scheint, daß ich mich bemüßigt fühle, darüber zu schreiben. Nämlich diesen Text hier. Ein Abperlen spielte sich vor meinem Auge ab, ein Perleffekt, eine Abperlung gewissermaßen, ein spannder Kampf gegen das schnöde Auseinanderfließen der ordinären Wassertropfen. Nein, schön rund sollen sie sein und es auch bleiben, spannend, und so kristallklar, daß es einem die Tränen in die Augen treibt. Jedenfalls beim längeren Hinschauen. Beim Fixieren gewissermaßen, also so ohne zu Zwinkern, wenn man das jetzt durchhält sagen wir einmal so eine Viertelstunde. Zwei Stunden. 16 Stunden. So ganz ohne Zwinkern, also da tränen die Augen, ob sie es wollen oder nicht. Wo war ich? Ach ja, die Blätter. Schon erstaunlich, finden Sie nicht? Werden einfach nicht naß, weil sie die Wasser… die Regen… also diese Regentropfen einfach fertigmachen. Nichts da, weg da mit euch! So haben wir nicht gewettet! Ab, ab, in die Mitte, sammelt euch, und dann fort, fort, kurz geschüttelt, und schon rinnen sie die Blätter in Gänze herab, zack, aufs nächste Blatt, von da weiter nach unten, tropf, noch eins, noch so zwei, drei Mal, dann schlagen sie prächtig auf der Erde auf. Werden einfach weggesaugt, aus, vorbei.
Ich stehe auf und gehe weiter.