Frau Magrat im Irrenhaus

Mir ist, als wäre es gestern gewesen, daß ich hier im Blog einen ganz bestimmten Artikel über ein ganz bestimmtes Buch angekündigt hatte, aber Zeit ist birnenförmig und verläuft unterschiedlich schnell, wie wir alle wissen, und so kommt es, daß dies eben nicht einen Tag, sondern inzwischen fast zwei Jahre her ist.

Aber nun… ist es soweit.

Es ging um das Buch „Gulliver im Irrenhaus“, welches ich im Rahmen des wunderbaren Buchprojektes „52 Bücher“, ausgedacht vom lieben Fellmonster, hier im Blog vorgestellt hatte. Damals hatte ich dieses Buch nach langer Zeit wieder einmal gelesen, doch anders als bei den etlichen Malen vorher (ich lese gute Bücher immer mehrmals) blieb ich diesmal an einigen Stellen hängen, über die ich früher nur kurz gestolpert war: War es möglich, daß eine der Geschichten, nämlich eben genau  „Gulliver im Irrenhaus“, ganz hier in der Nähe spielte? In Nordhausen und Sundhausen? Warum war mir das nicht schon früher aufgefallen?

Ich habe besagte Stellen im Buch hier in dieser Tabelle zusammengetragen. Bei meinem Buch handelt es sich um die 1. Auflage von „Gulliver im Irrenhaus“ von Hasso Laudon, Buchverlag Der Morgen, Berlin 1986, Lizenznummer: 18-48/3/86 :

 

Seite im Buch Hinweis Anmerkung
 210  Ginkgobaum im Park Scheinbar gibt es tatsächlich genau einen Ginkgo im Park. Vgl. auch: http://www.sundhausen-nordhausen.de/Karlsburg_Pict_003.htm
 210  in dem hohen Schlafraum mit den schweren Stuckornamenten an der Decke Bei unserer Wohnungsbesichtigung konnten wir uns davon überzeugen: Die Räume sind sehr hoch, wie es üblich war in dieser Zeit und für diese Gebäude, und eine der Wohnungen wies sogar noch die originalen Stuckornamente auf.
 211 von den einfachen Leuten im Dorf Klapsmühle genannt […] und imTelefonbuch unter dem Begriff „Psychiatrische Jugendklinik“ zu finden Das von mir als Schauplatz vermutete Sundhausen bei Nordhausen ist definitiv ein Dorf, wenngleich es heutzutage eingemeindet und somit zu Nordhausen gehört. Fuhr man früher (zu DDR-Zeiten) an der alten Mauer und dem dahinter verborgenen Park vorbei, sah man so gut wie nichts vom Schloß und den anderen Gebäuden. Man wußte nur, irgendwo da hinten ist die „Klapper“… Unheimlich war das.
 214 über die Außentreppe in den Park […], den Weg zum Tor […] schmiedeeiserne Gittertür […],verrostetes, nicht mehr erkennbares Familienwappen  Die Außentreppe gingen wir hinunter, das schmiedeeiserne Tor ist noch immer von der Straße her zu sehen. Zum Wappen kann ich allerdings (noch) nichts sagen.Vgl. auch: http://www.sundhausen-nordhausen.de/Karlsburg_Pict_005.htm
 214 Gelände […] von einer Mauer umgeben mit einem Straßengraben davor  Die Mauer steht noch, der Straßengraben war früher wohl sogar ein „12 Meter breiter, wassergefüllter Graben“.
 218  nach dem zweiten/großen Krieg  Das paßt zeitlich, nach dem Krieg erfolgte die Enteignung der Besitzer (Fam. Schreiber), zunächst Nutzung als Feierabend- und Pflegeheim „Anna Seghers“, später Heim für behinderte Kinder und Jugendliche
 221 Aussichtsplatz über einer stillgelegten Kiesgrube  Die Bielener Kiesgewässer und darunter der Sundhäuser See sind ganz in der Nähe, noch heute wird in der Gegend Kies abgebaut.
 235  Klinik … am Stadtrand. In einem alten Villenviertel  Das bezieht sich wohl auf Nordhausen. Im alten Villenviertel in der Oberstadt gab und gibt es eine Psychiatrische Kinder- und Jugendklinik.
 236 durch den oberen Teil (der Stadt), den die Bomben […] verschont hatten […][…]von der Stadtmauer abwärts  Nordhausen wurde zum Ende des 2. Weltkrieges durch die Bomben der Alliierten stark zerstört. Teile der historischen Stadtmauer stehen noch heute.
 236  […]in einer Nische des Rathauses. Buntbemalt. Als hölzerner Roland.  Nordhausen hat einen Roland, vgl. auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Nordh%C3%A4user_Roland
 236  […] hinab in die Unterstadt, in die schmale Zeile der Bahnhofstraße,[…],wenn die Straßenbahn […] hindurchlärmte  Noch heute fährt die Straßenbahn durch die Bahnhofstraße, wenn auch nicht mehr so lärmend.
 237  […] Grünanlage auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort stand ein Mahnmal. Es erinnerte an Männer aus ganz Europa, die in den Kreidestollenwenige Kilometer vor der Stadt […] zu Tode gebracht worden waren. Was ist aus dem Mahnmal geworden? Ein Gedenkstein steht nun im noch recht jungen Stadtmuseum in der recht alten „Flohburg“, früher war darin übrigens die Nordhäuser Kinderbibliothek untergebracht, einer meine Lieblingsorte damals, aber das nur am Rande. Auf dem Bahnhofsplatz verweist eine Informationstafel auf die ehemalige Gedenkstätte zu Ehren des im KZ Mittelbau-Dora ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfers Albert Kuntz. Vgl. auch: http://nordhausen-im-ns.de/de/575
 245 […]mit der Straßenbahn zum Markt. Am Händeldenkmal. Nun kommt ein Bücherverlag ins Spiel. Die Hinweise im Buch legen die Vermutung nahe, daß dieser in Halle ansässig gewesen sein muß:http://www.strassenbahn-halle.de/info/geschichte/halle.php#Städtische Straßenbahn Hallehttp://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:H%C3%A4ndel-Denkmal1.jpg&filetimestamp=20100506175114&
 251 Nebel hing über der Wiese, die ich vom Bahnhof zum Dorf hin überqueren mußte. Google Maps zeigt, daß die Strecke vom Nordhäuser Bahnhof bis zur Karsburg zu Fuß ca. eine Stunde dauern würde, wohlgemerkt nicht schnurstracks über die grüne Wiese, wie es zur damaligen Zeit noch möglich gewesen sein muß. Heute ist die Fläche bebaut.
Fußgängerroute mit dem Ziel Carlsburger Straße, Nordhausen auf einer größeren Karte anzeigen
 Helle (Plateau)  Unklar. Sundhausen liegt an der Helme, ein Fluß… vielleicht nur eine Namensähnlichkeit?
  Galgenberg  Unklar.. es gibt einen Galgenberg, aber einige Kilometer weit von Sundhausen entfernt.
 Dr. Kröber  Dr. Kröber – auf der Suche nach ihm stieß ich auf einen recht bekannten Psychiater, Jahrgang 1951, dessen Eltern beide Nervenärzte waren, sein Vater arbeitete als Chefarzt in einer Anstalt. Es dürften wohl auch kaum reale Namen für Personen im Buch verwendet worden sein, insofern… vielleicht nur ein Zufall?
[…] Wetterfahne mit der Jahreszahl siebzehnhundertneunzig vom Klinikdach  Was geschah 1790 ? Wurde da ein Gebäudeteil der Karlsburg fertiggestellt? Ebenfalls unklar…

 

Ihr seht, ich war fleißig. Aber es kommt ja schließlich auch nicht oft vor, daß man ein Buch liest und plötzlich seine Heimatstadt darin wiedererkennt – völlig unerwartet – und obendrein, so weit ich es bisher beurteilen kann, ist das auch kaum bekannt! Zum Autor Hasso Laudon gibt es so gut wie keine Informationen, keinen Wikipedia-Eintrag, nix. War er hier in Nordhausen? Er muß die Karlsburg, das Irrenhaus, doch von innen gesehen haben, oder? Hmm. Damals, vor fast zwei Jahren, hatte ich sogar einmal bei einem der angegebenen Kontakte der Sundhäuser Webseite angerufen, um nachzuforschen, ob darüber irgendetwas bekannt ist. Aber Fehlanzeige. Der nette Herr zeigte sich aber sehr interessiert und ich versprach, ihn zu informieren, wenn ich den Artikel fertig hätte. Ähm.. nun, ich hoffe, daß für ihn die zwei Jahre ebenfalls wie im Fluge vergangen sind… *hüstel* …

Aber warum steht nun in der Überschrift: Frau Magrat im Irrenhaus? Ganz einfach – weil wir – ihr habt es beim aufmerksamen Lesen der Tabelle bestimmt schon mitbekommen – uns dort Wohnungen angeschaut haben. Wohnungen! Im Schloß! Leute, so wahr ich hier sitze und euch das schreibe – ich habe meine, wir haben unsere Traumwohnung gefunden! In einer Traumlage, zu erschwinglichen Mietpreisen (es hätte nur ein bisschen mehr wehgetan als unsere jetzige Miete…), in diesem historischen Gemäuer, über welches ich nun schon so lange recherchiere… in hohen Räumen mit Stuck und… einem Ginkgo vor der Nase! Wir ziehen ins Schloß – davon waren wir eine Woche lang überzeugt, und selbst unsere Rüben, die ja bei der Wohnungsbesichtigung nicht fehlen durften, teilten schon die Zimmer untereinander auf. Die Zimmer! Ich hätte nicht nur mehr Zimmer als jetzt gehabt, sondern gleich mehrere mehr! Und der Park, der historische Park, habe ich den Park schon erwähnt…?

 

 

Das "Irrenhaus"

Doch ihr seht schon: Da steht etwas von „hätte“. Weil wir dort nicht eingezogen sind. Ich meine, ganz ehrlich, nach einer Woche dumpfen Brütens und im Kopf schon die Wohnung einräumen haben wir den Vermieter angerufen, um ihm mitzuteilen, daß wir die Wohnung nehmen. Wahrscheinlich hätte er sie uns auch gegeben, wenn nicht… ja, wenn da nicht der Herr Imhotep gewesen wäre.

Historisches Treppenhaus

 

Keine Hunde und keine Katzen in der gesamten Wohnanlage. Nicht drinnen, und nicht draußen. Aus Gründen. Allergien und dergleichen. Ich verstehe das, aber…  Aus. Ende. Ich habe geheult, wißt ihr? Ich meine… das war sie. Das war die Wohnung. Wäre gewesen – hat nicht sollen sein.

„Wer weiß, wozu es gut ist.“, sage ich immer, wenn so etwas passiert. Vielleicht wäre alles gut gegangen, vielleicht wären wir glücklich geworden im Schloß, in diesem alten, geschichtsträchtigen Gemäuer, vielleicht wären wir hier alt geworden. Vielleicht wäre aber auch alles anders gekommen. Man weiß es nicht, und das ist auch gut so. Weil man sonst einfach verrückt werden würde, zerbräche man sich über all das „Hätte“ und „Wäre“ im Leben den Kopf. Weil man sonst vielleicht irgendwann genau dort landen würde: Im Irrenhaus.

Das waren also meine damals angedrohten „literaturbedingten Geschichtsgedanken“. Abschließen möchte ich mit einem Zitat aus dem Buch (S. 215):

Blickte man von dort oben hinab auf die ineinandergeschachtelten Dächer, auf den Park mit der Klinik und den alten Bäumen, glaubte man eine Idylle zu sehen.
Aus der Ferne, sagte Hubert. Aus der Ferne ist alles schön. Man darf nur nicht ankommen.

PS: Ich habe den Vermieter während der Wohnungsbesichtigung um Erlaubnis gefragt, ein paar Handy-Schnappschüsse machen zu dürfen, und auch von dem Buch und meinen Recherchen erzählt. Ich hoffe also, daß es okay ist, die beiden Fotos hier zu zeigen, falls aber nicht – ein kurzer Hinweis genügt…;)

8 Antworten auf „Frau Magrat im Irrenhaus“

  1. Mir fiel spontan ein Spruch ein, den ich vor ein paar Tagen auf Twitter gelesen hatte:
    „ich führe ein leben voller würde. und wäre und hätte und könnte.“
    (Oder so ähnlich.)

    Wer weiss, vielleicht ist Imhotep ja genau deswegen bei euch eingezogen, damit ihr dort nicht einzieht? Man weiss ja so wenig. Und ja: aus der Ferne ist alles schön.

    Ich drücke die Daumen dafür, dass eure echte Traumwohnung euch bald begegnet, denn echt kann sie ja nur sein, wenn die ganze Familie dort willkommen ist!

    Liebe Grüße! :baerchenpaerchen:

    1. Hehe… ja, der Spruch ist sehr treffend… und da fällt mir gleich noch etwas ein, was einer der Ärzte, der uns während meiner Physiotherapie-Ausbildung unterrichtete, einmal sagte: „Von Hätte und Wäre ist die ganze Nervenklinik voll.“ Na bitte, was zu beweisen war…

      Lieben Dank fürs Traumwohnungsdaumendrücken… natürlich muß der Herr Kater mitdürfen. Und genau diesen Gedanken hatte ich auch: Vielleicht ist er zu uns gekommen, damit wir dort nicht einziehen.

      Liebe Grüße zurück! (Ach und ich habe gerade ein neues Subscribe-to-Double-Dings-Kommentaren-Plugin installiert… lassen wir uns mal überraschen, was passiert… *hust* )

      :pitti: :teddy2:

  2. Sehr brav – der Herr Imhotep wird es Euch danken! Und wenn ich an die Heizkosten denke … und überhaupt: Eventuell wirst Du berühmt, Dein lieber Mann erhält den Nobelpreis und dann kauft Ihr Euch ein eigenes Schloss. Oder so. Egal – man wird sehen …
    LG,
    Ralph

    1. Jawoll, ein eigenes Schloß, das ist der Plan, das wird’s.

      (Ab und zu halte ich es dem Herrn Kater vor, aber nur, wenn er mal wieder besonders garstig war… naja, aber ist nur ein Späßchen, wirklich, schließlich… was nützt einem eine traumhafte Wohnung, wenn man ohne Katze auskommen muß, und wir uns niemals Möpse anschaffen könnten, später, wenn die Rüben aus dem Haus sind?)

      Jetzt aber her mit dem Nobelpreis und dem Rum. Ich meine Ruhm.

      Liebe Grüße zurück… :pitti:

  3. Mann, wie bekloppt bin ich denn … keinen Kommentar dazu, bitte … habe ich doch völlig vergessen, die faszinierende Recherchearbeit zu würdigen! Chapeau. Und spannend ist es dazu auch noch. Eventuell wirst Du schon hier als Entdeckerin gefeiert? Ich wünsche es Dir und Aufklärung des Sachverhaltes dazu!

    1. Oh… ich danke dir… das freut mich… Ich finde so etwas wirklich spannend, da macht die Recherche Spaß…

      OFFTOPIC: Lieber Ralph, bekommst du irgendwelche Benachrichtigungsmails, wenn hier ein neuer Kommentar kommt? Oder gar eine Double-opt-in-Mail, nein..?

  4. Benachrichtigungsmails? Gar Double-opt-in-Mails? Nö, mir sagt oder schreibt ja nie einer was :drink: :bla: Öhem, was sind denn diese Double-opt-in-Benachrichtigungsmails? Nur mal so …

    1. Mist. Ich meine… hab vielen Dank. Das hatte ich befürchtet. Sag mal, lieber Ralph… wie machst du das denn bei dir in deinem Blog? Habt ihr den bei WordPress.com gehostet… oder selbst? Und wenn letzteres… nutzt du dieses olle Jetpack, welches viele tolle Funktionen vom WordPress.com mit einem selbstgehosteten Blog verknüppert? Das nehme ich nämlich, aber da funktionieren die Smileys nicht mit. Jetzt habe ich die Kommentarfunktion vom Jetpack deaktiviert, weil die nicht „abmahnsicher“ ist, und ein anderes Subscribe-Plugin installiert. Damit gehen die Smileys, aber nix Kommentar-Abo. Also gar nüscht, weil das mit dem Jetpack nicht kompatibel ist. Aber so ganz aufs Jetpack verzichten mag ich auch nicht, wegen der anderen tollen Funktionen…

      Ach so… und dieses Double-opt-in oder so… das heißt, daß man nochmal eine Bestätigungsmail bekommt, und wenn man den darin enthaltenen Link klickt, funktioniert das Abo erst. Datenschutz, Spam und was-weiß-ich. Das ist sicher nur in Deutschland so. Bla.

      Also nochmal in kurz: Welches Kommentar-Abo-Plugin benutzt du?

      :baerchenpaerchen:

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