At the Edge

Zum ersten Mal seit langem wieder blauer Himmel und Sonnenschein. Frühlingsanfang – der meteorologische erstmal nur, aber wir nehmen, was wir kriegen können.

Gestern morgen ein zuckersüßes kleines Mädchen beim Foto-Shooting, neugeboren, hinein in diese verrückte, schöne Welt, umsorgt von netten, ruhigen, sympathischen Eltern und einem großen Bruder, der sie stolz in ihrem kleinen, durchsichtigen Klinik-Bettchen über die Gänge der Station fährt.

Danach schnell, schnell, nach Hause, nach Hause, am Nachmittag ist eine Beerdigung. Der Onkel meines lieben Mannes… Ruhe in Frieden, ich habe ihn fast nicht gekannt, und doch…. es ist so traurig. Es ist immer traurig.

Schon die zweite Trauerfeier dieses Jahr. Ich finde, es reicht. Aber mich fragt ja keiner. Und wer weiß, was morgen ist – „Die beste Krankheit taugt nix.“ – heißt es nicht umsonst.

Daher ein dreifach Hoch! auf die Arbeit, die mich hier momentan so vereinnahmt, daß mir kaum Zeit bleibt, Luft zu holen, geschweige denn, in ein tiefes Loch zu stürzen.

Aber der Grat ist manchmal schmal, sehr schmal, auf dem man sich bewegt. Mal geht es voran… dann setzt man sicher einen Fuß vor den anderen, schreitet vielleicht sogar wacker aus, voller Zuversicht, voller Hoffnung, man möchte am liebsten rennen, oder – besser noch! – springen, was soll passieren! Und noch während man in der Luft ist, haltlos für einen kurzen Moment, erkennt man plötzlich wieder, wie steinig der Weg, wie zerbrechlich der Pfad ist, der einen durch’s Leben führt.

Geburt und Tod am selben Tag zu erleben, das macht nachdenklich. „Der Lebenskreis hat sich geschlossen…“ hat der Mann vom Beerdigungsinstitut gesagt. Hat er sich geschlossen? Ist es überhaupt ein Kreis? Oder viel mehr eine gerade Linie, von Punkt A nach Punkt B, unweigerlich, unaufhaltsam, mal kurz, mal lang, mal glatt, mal holperig?

Und was bleibt von all dem? Erinnerungen, hat der Mann gesagt. Die Erinnerungen sind es, die uns bleiben. Aber wißt ihr was…? Mir reicht das nicht. Das ist mir zu wenig. Erinnerungen verblassen, und irgendwann… irgendwann ist keiner mehr da, der sich erinnert. Und dann ist man weg. Dann ist es, als hätte man nie existiert. Beängstigend, oder? Ich meine, man strampelt sich hier ab, und man hangelt sich von einem Tag zum nächsten, man will alles gut und richtig machen, und dann?

Hmm. Vielleicht ist das der Grund, warum die Menschen irgendwann angefangen haben, sich auf künstlerischer Ebene auszudrücken. Und damit meine ich Kunst im denkbar weitesten Sinne. Erst waren es einfache Handabdrücke auf Höhlenwänden, später komplexe Wandmalereien. Vielleicht werden deswegen so viele Bilder gemalt und Bücher geschrieben, gebloggt und fotografiert. All das ist nicht so existenziell wichtig, wie das beinahe zur Metapher verkommene Brot, welches der Bäcker für uns bäckt. Es erhält uns am Leben, man ißt es einfach auf, lebt weiter, fertig. Aber wer kennt den Namen des Bäckers?

Aber so ein literarisches Werk? Oder ein Lied? Eine Skulptur, ein Gemälde, ein Foto? Vielleicht ist ja unsere Angst vor dem Verschwinden die Ursache für alle Kunst…  ein Festhalten, ein Festklammern auf diesem schmalen Grat, den wir lebenslänglich entlang balancieren. Weil wir nicht wirklich wollen, daß die Linie am Punkt B einfach endet, und weil ein sich-schließender Lebenskreis für uns nicht hinnehmbar ist… weil wir ihn – wenigstens ein kleines Stück weit – offen halten wollen, irgendwie.

Blauer Himmel, Sonnenschein… und fast schon ein wenig Frühlingsluft. Wir haben wieder einen Winter überstanden, für die einen war es der allererste, für die anderen der allerletzte.

Es geht weiter. Wieder einmal.

 

 

 

 

 

3 Antworten auf „At the Edge“

  1. Liebe Mandy, Danke, dass du diese sehr berührenden Gedanken mit uns teilst! Ich frage mich das auch manchmal, woher dieses Befürnis kommt, sich auszudrücken und der Welt mitzuteilen. Woher der Wunsch, irgendwie wahrgenommen zu werden…
    Ich mag das Leben lieber als Kreis sehen, als Zyklus, weil uns das der Natur näher bringt. Dieses von A nach B Gehetze erscheint mir mehr menschengemacht. Und verläuft das Leben nicht auch irgendwie analog zu den Jahreszeiten? Nur an welchem Punkt ich (schon) stehe – darüber will ich lieber nicht nachdenken. Solche Gedanken machen mich fertig, machen mir Angst.

    Jakob Moser heisst der Bäcker, der mein Brot backt. Und er ist über 80 und steht noch jeden Tag selber in der Backstube (und später am Tag im Laden) und er formt jeden einzelnen Laib Brot von Hand. Das sieht man den Broten oft an und man schmeckt es erst recht.

  2. Dein Artikel hätte auch Yin und Yang heißen können – Du hast es perfekt auf den Punkt gebracht. Ich habe es gerne gelesen und knuddele Dich mal virtuell – und grüße sicherheitshalber im gleichen Atemzug Deinen lieben Mann :-D und alle anderen T.s auch sehr herzlich,
    Ralph

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