Aufreger der Woche: Lehrmethoden am Gymnasium

Vielleicht ist das ja alles gar nicht so schlimm. Vielleicht bin ich ja die Einzige, die sich darüber aufregt. Vielleicht ist es ja völlig normal, daß die 8. Klasse eines Thüringer Gymnasiums ihr Mathe-Lehrbuch nicht verwendet, weil es nicht lehrplankonform ist. Vielleicht ist es also vollkommen in Ordnung, wenn die Schüler ihr Lehrbuch nicht ein einziges Mal aufschlagen, geschweige denn im Unterricht benutzen, dafür aber so eine Art Arbeitsblatt vom Fachlehrer ausgehändigt bekommen, in Größe DIN A5, liebevoll kopiert auf ein Blatt A4, mit großem, dickem, quer darüber gedrucktem Copyright-Vermerk der Webseite, auf der man dergleichen downloaden kann:

 

mathe-gym-unterrichtsmaterial-001
Mathematikunterricht an Thüringer Gymnasium

 

Versteht mich nicht falsch… der Download geht völlig in Ordnung, für Schüler und Studenten und Lehrer und überhaupt. Wie auf der im Copyright-Vermerk angegebenen Webseite nachzulesen ist, dürfen die lieben Lehrerkollegen alle Materialien auch als Download oder CD – sogar als Schullizenz – kaufen, ohne diesen lästigen Vermerk. Dann könnte man vielleicht sogar alles richtig lesen und damit arbeiten, aber wer will das schon, nicht? Müßten ja auch die Eltern bezahlen, zusätzlich zu den bereits gekauften Schulbüchern, versteht sich. Auch wenn die nicht benutzt werden… ist ja auch nebensächlich.

Da fällt mir ein… hatte ich schon erwähnt, daß derselbe Lehrer denselben Schülern einen Tag vor der Klassenarbeit ein weiteres Arbeitsblatt ausgegeben hat, mit Übungen, um sich auf besagten Test vorzubereiten? Aber hey, nicht jedem Schüler, sondern nur jeder Bank, sprich also jeweils ein Blatt für zwei Schüler, verteilt mit den Worten: „Werdet euch einig, wer es mit nach Hause nimmt.“ Ich bin nicht wirklich gut in Mathe, aber heißt das nicht, daß auf diese Weise nur 50 % diese Übungsaufgaben bekommen?

Ach, aber alles halb so schlimm, finde ich. Wenn man bedenkt, daß an dieser Schule im Kunstunterricht das Thema „Die Bedeutung der Fotografie in der heutigen Zeit“ behandelt wird, und man es schafft, die Tatsache vollkommen außer Acht zu lassen, daß es heute möglich ist, dank Handy-Kameras und Kamera-Handys und der digitalen Fotografie überhaupt, dank sozialer Netzwerke und Apps und Tablets und was-nicht-alles praktisch überall auf der Welt rund um die Uhr alles fotografisch festzuhalten und quasi in Echtzeit mit ebenjener Welt zu teilen?

Aber was weiß ich schon.

Und dann ist da noch der Chemieunterricht. Auf die Bitte einiger Schüler, den Stoff doch bitte noch einmal zu erklären, weil ihn die meisten nicht verstanden und entsprechend miese Noten im letzten Test hatten, erwidert die Lehrkraft sinngemäß etwa Folgendes: „Das erkläre ich jetzt nicht nochmal, das steht alles in eurem Hefter, das müßt ihr nicht verstehen, nur lernen!“ – um dann in der nächsten Stunde den Test zu wiederholen, welcher wieder so mies ausfällt, der aber nichtsdestotrotz in der übernächsten Stunde noch ein zweites Mal wiederholt wird.

Stimmt ja. Der denkende und interessiert nachfragende sowie der um Hilfe und/oder Erklärung bittende Schüler ist hier offenbar nicht wohlgelitten. Dieselbe Lehrerin hält sich überdies lieber zehn Minuten mit einer Moralpredigt und dem Diktieren einer Notiz an die Eltern auf, statt diese wertvolle Zeit einfach dafür zu nutzen, den Stoff noch einmal zu wiederholen und diesmal vielleicht besser zu erklären.

Und wer „Alter…!“ sagt, fliegt raus. Und „Super“ ist ein schlimmes Wort. Jawoll.

Nein, ich denke nicht, daß die Schüler alles Engelchen sind, im Gegenteil. Und ich bin auch überzeugt davon, daß die Lehrer hier nicht immer daneben liegen. Und nein, ich möchte auch nicht mit ihnen tauschen, aber hey, es ist nun mal ihr verdammter Job, einen sinnvollen Unterricht zu gestalten, und sich nicht einfach nur alles im Web zusammenzukopieren.

Das können wir auch!!! (Und besser.)

In diesem Zusammenhang fällt mir auch noch das wohlklingende Wort „Didaktik“ ein. Es wäre doch zu schön, wenn sich der Lehrkörper damit ein wenig beschäftigen würde.

Ach und übrigens, lieber Medienkunde-Lehrer: Sie lassen Ihre Schüler Logos mit MS Word erstellen? Ernsthaft?  Und Google ist ganz, ganz böse, ja? Ganz zu schweigen von Facebook & Co. …! In meiner grenzenlosen Naivität war ich eine Weile davon ausgegangen, man könnte sich dieses Fach zunutze machen, um den Schülern zu zeigen, wie man die sozialen Netzwerke sinnvoll nutzen und vor allem – wie man sich schützen kann. Nicht nur die Gefahren, sondern auch und gerade die schier grenzenlosen Möglichkeiten hätte man vielleicht einmal ansprechen können, finden Sie nicht?

Aber nein… stattdessen bringt man lieber locker-flockige Sprüche wie „Ihr beide seht ganz schön schwul aus…“ und dergleichen. Ist doch lustig. Nicht. Homophobie wird also jetzt schon an Thüringer Schulen gelehrt, oder wie habe ich das zu verstehen…

Oder habe ich da jetzt vielleicht Vorurteile? Hmm. Gut, daß man sich mit so etwas im Fach Ethik prima auseinandersetzen kann. Und was heißt hier, ich soll mich nicht so haben, wenn die Ethik-Lehrerin vor Satanisten warnt! Und daß jeder ein Satanist ist, dessen kleiner Fingernagel schwarz lackiert ist… (Und daß der Schüler im Gothic-Outfit plötzlich von allen so komisch angestarrt und von den jüngeren Jahrgängen seiner Schule des Mordes an Babys verdächtigt wird, weil sie das ja schließlich genau so gelernt haben, hat ja nun wirklich nichts mit Vorurteilen zu tun!)

Wißt ihr was? Je länger ich über all das nachdenke, desto mehr kommt es mir wie ein Traum vor. Okay, es ist ein Traum von der fiesen, bizarren Sorte, von der, die keiner gerne träumen will.

Die gute Nachricht: Es ist kein böser Traum.

Die schlechte Nachricht: Es gibt kein Erwachen.

Es ist einfach nur die Realität an einem Thüringer Gymnasium.

 

Na dann – Gute Nacht.

 

 

PS: Wer meint, ich würde hier übertreiben, den muß ich enttäuschen.

Wer sich hier angesprochen fühlen sollte… Glückwunsch! Dann sind Sie einer der wenigen Lehrer, der fähig ist, mit einem Computer umzugehen und obendrein das Internet nicht nur für seine Unterrichtsvorbereitung per Copy and Paste benutzt, ich bin stolz auf Sie! Trotzdem einfach mal drüber nachdenken, ja? Ich frage Sie demnächst ab, um zu sehen, ob Sie diesen Artikel auch verstanden haben.

Wer ähnliche Erfahrungen gemacht hat – sei es als Elternteil oder Schüler – ihr könnt im Kommentarbereich gerne darüber berichten. Anschließend werden wir dann über Lösungsansätze beraten – in Gruppenarbeit, versteht sich.

Seid ihr gar in der glücklichen Lage, an einer richtig guten Schule zu lernen / zu lehren? Dann teilt bitte erst recht eure Erfahrungen mit mir und gebt unbedingt an, wo sich diese Schule befindet! Danke.

 

PPS: Zum Schluß noch ein Lichtblick: Es gibt sie noch. Die engagierten, (meist) jungen Lehrer, denen ihre Arbeit (noch) Spaß macht. Es sind nicht viele, aber immerhin. Und das ist doch schon was. Das ist doch schon was.

In diesem Sinne…

 

 

 

 

 

 

 

4 Antworten auf „Aufreger der Woche: Lehrmethoden am Gymnasium“

Kommentare sind geschlossen.