5 | “52 Bücher” – Russische Literatur

Habe ich euch eigentlich schon mal erzählt, daß ich seit der dritten Klasse Russisch-Unterricht hatte? In der sogenannten Russisch-Klasse? Nein? Also… das war im Jahre 1984, zu einer Zeit, als man das Ende nicht einmal erahnen konnte, das Jahr, welches – rein zufällig, ich schwör’s – nach George Orwells wohl bekanntestem Buch (wie hieß es noch gleich…?) benannt worden war. Damals also. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen nicht ganz unbegabter Kinder, und wir lernten also Russisch. Weil das eines Tages die Weltsprache würde. Haben sie gesagt. Und „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.“ ( Das  habe ich hier schon einmal irgendwo geschrieben…)

Wie auch immer. Als sich mir nach der 11. Klasse die Möglichkeit bot, einige Fächer abzuwählen (nach diesem obskuren System aus Punkten und Kursen), war es Russisch, welches ich für immer von meiner Liste strich. Mich verband nichts mit dieser Sprache. Ich hatte es einfach satt. Danach setzte die Verdrängung ein, und ob ihr es glaubt oder nicht, ich kann heute keinen einzigen Satz auf russisch mehr schreiben. Ich weiß die einfachsten Vokabeln nicht mehr, es fiel mir eine Zeit lang sogar schwer, die kyrillischen Buchstaben zu entziffern. Mein Gehirn hatte da irgendwie dichtgemacht .

Russische Literatur war also das 5. Thema in Fellmonsterchens Buchprojekt , oder genauer:  Russische (und was so drumherum liegt) Literatur.  Im Dezember war das, aber weil das Projekt so herrlich locker-flockig ist, bearbeite ich es einfach heute:

Ziemlich als erstes kam mir „Picknick am Wegesrand“ in den Sinn, ein utopischer Roman der Brüder Arkadi und Boris Strugazki (Orig.: Пикник на обочине,  Piknik na obotschinje, 1971). 

Picknick am Wegesrand
Picknick am Wegesrand

Ein verstörendes Buch. Außerirdische sind an mehreren Stellen, sechs sog. Zonen, auf der Erde gelandet und danach einfach wieder verschwunden. Vielleicht. Vielleicht sind sie auch abgestürzt. Oder haben die Erde nach der Landung nie verlassen, sind vielleicht immer noch da. Man weiß es nicht. Aber sie haben Dinge zurückgelassen: die sogenannten  Nullen,  Armbänder, Batterien… Wie unachtsame Wanderer, die auf einer Lichtung im Wald ihre Picknickdecke ausbreiten und dann wieder gehen, ohne ihren Müll zu entsorgen, Müll, mit dem die im Wald lebenden Insekten und anderen Tiere nichts anzufangen wissen, den sie nutzen können, der ihnen aber auch gefährlich werden kann. Der Gedanke, daß die Menschheit für die außerirdischen Besucher nichts weiter als Ameisen auf einer Picknickdecke sein könnten, ist beunruhigend.

Das Buch ist größtenteils aus der Sicht des Zonen-Schmugglers Roderic Schuchart geschrieben. Er ist Familienvater, seine kleine Tochter zeigt seltsame Veränderungen, sie hat ein Fell, erinnert an ein Äffchen, später verliert sie auch die Fähigkeit zu sprechen – die Auswirkungen der Zone auf ihren Vater. Vielleicht eine Art Strahlung… Die Einwohner arrangieren sich, die Regierung bewacht, die Wissenschaftler erforschen die Zone.

Der alkoholabhängige Schuchart macht sich am Ende auf die Suche nach der goldenen Kugel , die Wünsche erfüllen soll. Als er sie, gemeinsam mit einem jungen Mann, fast erreicht, wird dieser vom Fleischwolf  erfaßt und getötet, vorher aber hatte er, offenbar wahnsinnig geworden, scheinbar sinnlose Dinge gewünscht. Schuchart wartet, ist nun selbst bei der Kugel, und scheitert, ist nicht mehr fähig, eigene Wünsche zu formulieren:

“ […]Ich habe keine Worte, man hat sie mich nicht gelehrt, ich kann auch nicht denken, diese Schweinhunde haben mir keine Gelegenheit dazu gegeben.[…]“ [1]

Er – und damit auch das Buch – endet mit den Worten, die kurz zuvor der junge Mann gerufen hatte:

„Glück für alle, umsonst, niemand soll erniedrigt von hier fortgehn!“ [2]

 


 

Russische Literatur… da ist unbedingt auch die Kinderliteratur zu erwähnen. Ich besitze zwei Ausgaben der „Sowjetliteratur – Geschichten und Gedichte für Kinder“, aus den Jahren 1983 und 1987 (man kam nur schwer ran an diese Hefte). Sie beinhalten (meist) Ausschnitte von Erzählungen, Gedichten und Märchen der wichtigsten sowjetischen Schriftsteller und wundervolle Illustrationen:

Sowjetliteratur, 1983 u. 1987
Sowjetliteratur, 1983 u. 1987
Einige der Geschichten las ich immer wieder, an manche kann ich mich heute noch gut erinnern. Auch ein Ausschnitt aus einem A. Wolkow-Buch durfte nicht fehlen:

Sowjetliteratur, Auszug A. Wolkow
Sowjetliteratur, Auszug A. Wolkow
Über Wolkow möchte ich gar nicht viele Worte verlieren, seine Bücher wurden und werden nach wie vor gelesen und auch hier im Projekt vorgestellt, und das ist gut so. Was wäre wir ohne seine Bücher?

Als ich heute die beiden Hefte durchblätterte, fiel mir ein Artikel auf, den ich euch nicht vorenthalten möchte. Es handelt sich um die Antwort von Juri Andropow, damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei der SU, auf den Brief eines 10jähringen amerikanischen Mädchens. An der Echtheit dieser Antwort habe ich so meine Zweifel, aber interessant ist es doch (und heute leider so aktuell wie vor fast 30 Jahren):

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Sowjetliteratur, 1983
Sowjetliteratur, 1983

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Sowjetliteratur, 1983
Sowjetliteratur, 1983
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Zu guter Letzt, weil er bei diesem Thema nicht fehlen darf: Timur und sein Trupp, von Arkadi Gaidar, eine Geschichte, die ich – unabhängig von der Schule – sehr gerne und immer wieder gelesen habe:

Timur und sein Trupp
Timur und sein Trupp

 

Einzelnachweise:

1.  u. 2.  Strugazki, Arkadi und Boris: Picknick am Wegesrand, S. 219, Verlag Das Neue Berlin  (1983), ASIN :  B001G1I04K

 

 

 

 

6 Antworten auf „5 | “52 Bücher” – Russische Literatur“

  1. Lieber Bloggerkollege,

    Du bist offenbar ein Thüringer Blogger.

    Das ist erstmal nicht schlimm. Heißt nur, dass Du jetzt in einer Linkliste auf der THÜRINGER BLOGZENTRALE stehst.

    Die THÜRINGER BLOGZENTRALE hat die Aufgabe, Thüringer Blogs (miteinander) bekannt zu machen.

    Viele finden das super. Manche nicht so. Wenn Du zu denen gehörst, die das n i c h t gut finden, schreib uns doch bitte eine kurze Mail.

    Wenn Du gern in der Blogliste der Thüringer Blogzentrale stehen und vielleicht sogar an einem Thüringer Bloggertreffen teilnehmen würdest, dann schau mal auf folgende Webseite:

    http://www.thueringerblogzentrale.de/2012/04/06/gora-thuringer-bloggermesse/

    Und wenn Du noch mehr Thüringer Blogger kennst, die man kennen sollte … her mit dem Link!

    Noch Fragen?

  2. Zitat: „Aber sie haben Dinge zurückgelassen: die sogenannten Nullen…“
    Ich wusste es!
    Die FDP ist nicht von dieser Welt, sondern wurde uns von Außerirdischen geschickt. Böse, böse außerirdische Lebensformen.

    1. Hast du mich eben herzhaft lachen hören?! :-D

      Soweit hatte ich ja noch gar nicht gedacht! Das erklärt ja quasi alles!!!

      Ich werde das Buch noch einmal lesen, wahrscheinlich sind da auch Hinweise auf alle anderen Mißstände enthalten…

      *zisch-und-weg*

  3. picknick am wegesrand habe ich hier auch bei mir stehen – goldener flaum…
    die wolkow-serie ist einfach wunderbar und die wunderschönen zeichnungen in den büchern! timur habe ich weihnachten wiedergetroffen :)

    was das russische angeht: es ist eigentlich schade, wie viel arbeit wir in die sprache gesteckt haben über die jahre und mangels gebrauch ist fast alles weg. ich kann noch sagen, wie ich heiße und stolpere schon bei der altersangabe ;)

    1. Prima… da liegen wir ja auf einer Wellenlänge mit unserer russischen Literatur… (und gut zu wissen, daß es mir nicht allein so geht mit der fast vergessenen Fremdsprache, ich finde es heute auch schade… irgendwie…)

      Liebe Grüße…

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