Cyanotypie selbstgemacht – Aus den Kindertagen der Photographie

Vor einiger Zeit schon stolperte ich im Web über ein Verfahren aus dem Jahre 1842, mit dem lichtempfindliche (UV-empfindlich, photoaktiv) Untergründe, meist Papier, aber auch Glas, Holz etc., belichtet werden können und so interessante Blaudrucke entstehen. Als Vater der Cyanotypie gilt der englische Naturwissenschaftler und Astronom Sir John Herschel.

 

Chemie?

 

Nun benötigt man dafür normalerweise einige Chemikalien (Kaliumferricyanid und Ammoniumeisenoxalat), um daraus die lichtempfindliche Lösung herzustellen, welche dann auf den zu belichtenden Untergrund aufgetragen werden muß.  Das Verfahren beruht somit nicht auf Silber, wie es die anderen tun, sondern auf Eisen.  Dazu existieren bereits einige wissenswerte Webseiten, auf denen man die genauen Anleitungen und Informationen über die genauen chemischen Prozesse findet. (Ich persönlich bin leider nicht so der Chemiker…)

Aber es geht auch einfacher – mit Solar-Fotopapier. Nach einigem Suchen wurde ich fündig¹.

 

Solar-Fotopapier – Die Lösung!

 

Dieses Fotopapier (Format A5) besteht aus Recyclingpapier und ist fertig beschichtet und somit bereits lichtempfindlich. Da die Entwicklung bei der Cyanotypie immer „nur“ mit Wasser erfolgt, ohne „richtigen“ Entwickler, wie man ihn aus der Dunkelkammer kennt, kann man sich auch prima mit Rüben, Zwergen und anderen Kindern an erste photographische Experimente wagen.

 

Kinderleicht – das Fotogramm

 

Fotogramme
Fotogramme

Dabei gibt es einmal die Möglichkeit, sogenannte Fotogramme anzufertigen. Dazu legt man einfach Gegenstände mit interessanten Umrissen, zum Beispiel gepresste Pflanzenteile, auf die lichtempfindliche blaue Seite des Papiers, welches wiederum auf einer festen, planen Unterlage liegen sollte. Es geht aber natürlich auch die eigene Hand, ein Kamm, Messer, Gabel, Löffel, Schere, ein Teddy, Omas Brille, Scherenschnitte oder was immer nicht einfach nur rund oder viereckig ist, da das vergleichsweise langweilig aussähe. Das Ganze fixiert man nun mit möglichst dünner Frischhaltefolie, die man sinnvollerweise an den Rändern mit Klebestreifen befestigt (auf der Unterlage, nicht auf dem Papier). Somit verhindert man ein Verrutschen der Gegenstände während der Belichtungszeit.

 

Sonnenlicht

Kontrolle
Kontrolle

 

Belichtet wird idealerweise mittels Sonnenlicht, möglichst nicht durch Fensterscheiben oder ähnliches gefiltert, da diese zuwenig UV-Licht durchlassen. Die Belichtungsdauer ist abhängig von der Tageszeit, vom Sonnenstand, vom Einfallswinkel (darauf achten, daß keine Schatten darauf fallen!). Meist sollten ca. 5 Minuten genügen (so lange halten es auch die meisten Kinder gerade noch aus), es können aber auch mehrere Stunden vergehen, beispielsweise dann, wenn einem dieses tolle Experiment erst am späten Nachmittag einfällt und die Sonne schon fast am Horizont verschwunden ist. Beim Hantieren mit dem Papier ist die normale Zimmerbeleuchtung übrigens „harmlos“, es sei denn, man hat eine Vorliebe für kräftige Schwarzlicht-Lampen….

In der Zwischenzeit schnappt man sich eine Fotoschale (oder irgendeinen anderen flachen Behälter, der etwas größer als unser Papier sein sollte), und füllt diese mit Wasser.

Ein kleiner Anteil Wasserstoffperoxid verkürzt die Entwicklungszeit, ist aber nicht unbedingt notwendig.

Nun schaut man, wie weit das Papier ist, dafür kann man ganz vorsichtig einen der Gegenstände anheben und schauen, ob das Papier darunter an den belichteten Stellen hell oder sogar fast weiß geworden ist. Falls nicht, legt man den Gegenstand möglichst exakt an die gleiche Stelle zurück, da man ansonsten Doppelbilder und verschwommene Ränder riskiert… (*hüstel*… Geduld ist nicht meine Stärke.. ). Falls doch, ist nun der große Augenblick gekommen:

 

Wunder dank Wasser

 

Wir versammeln uns feierlich (ja, das geht auch, wenn man ganz alleine ist) vor der Schale und tauchen das Fotopapier, von dem wir vorher natürlich alle Gegenstände abgenommen haben, langsam hinein, so daß es ganz von Wasser bedeckt ist. Urplötzlich werden wir Zeuge einer geheimnisvollen Verwandlung: Waren vorher die Umrisse der Gegenstände weiß, nehmen sie nun ein kräftiges Dunkelblau an, während alles Blaue nun mehr und mehr verblaßt. Aus dem Negativ ist ein Positiv geworden! Eindrucksvoll, nicht?

 

Entwicklung - Zur Hälfte im Wasser
Entwicklung - Zur Hälfte im Wasser

 

Unser Blaudruck ist fertig entwickelt, wenn alle grünen (!)  Töne verschwunden sind, es sollten auch keine grünlichen Lachen auf dem Bild verbleiben.

 

[quote]Die nicht wasserlöslichen blauen Eisen(III)- Salzkristalle bleiben im Papier, während die grünen Eisen(II)- Salze ausgewaschen werden.[/quote]

[Quelle: http://cyanotypie.herbert-frank.at/]

 

Wir basteln uns ein Negativ

 

Natürlich kann man auch echte Negative von echten Fotos verwenden. Da aber die Wenigsten von uns großformatige Negative ihr eigen nennen dürften, basteln wir uns einfach eins. Ich habe dafür zwei Wege ausprobiert:

1. SW-Negativ ohne Graustufen, gedruckt auf Transparentpapier

Dazu machen wir uns die in gängigen Bildbearbeitungsprogrammen vorhandene Funktion namens „Schwellenwert“ zunutze. So wird ein Bild erzeugt, welches nur reines Schwarz und reines Weiß enthält, einzustellen über einen Schieberegler.

Mohn - Schwellenwert-SW auf Transparentpapier
Mohn - Schwellenwert-SW auf Transparentpapier

Bsp:

Adobe Photoshop Elements 9:

Filter → Anpassungsfilter → Schwellenwert

Corel PaintShop Pro X4:

Einstellen → Helligkeit und Kontrast → Schwellenwert...
Das Ergebnis habe ich auf einem Blatt Transparentpapier ausgedruckt. Dieses ist ja nicht ganz durchsichtig, daher dauert hier die Belichtungszeit entsprechend länger.

2. SW-Negativ (Graustufen) auf Transparentfolie

Hierfür wandle ich ein farbiges Foto erst in ein Schwarzweißfoto und danach in ein Negativ um:

Negative - Ausdruck auf Transparentfolie (Tintendrucker)
Negative - Ausdruck auf Transparentfolie (Tintendrucker)

Bsp:

Adobe Photoshop Elements 9:

  1. Überarbeiten → In Schwarzweiß konvertieren...
  2. Filter → Anpassungsfilter → Umkehren

Corel PaintShop Pro X4:

  1. Bild → Graustufen
  2. Bild → Negativbild
Das Ergebnis drucke ich auf Transparentfolie (Overheadfolie), diese hat den Vorteil, tatsächlich transparent zu sein, so daß hier die unbedruckten Stellen zügig belichtet werden, die bedruckten aber recht lichtdicht sind, die Belichtungszeit wird so kaum beeinflußt.
Mit diesen Negativen verfahre ich nun genauso, wie oben bei den Fotogrammen beschrieben.

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Hinweis: Dies ist kein bezahlter Blog-Artikel!

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Vielleicht hat ja der ein oder andere nun Lust bekommen, eigene Cyanotypien zu erschaffen? An einem eisigen Winterwochenende mit den Kindern oder Enkeln vielleicht, wenn nur genug Sonne scheint?

Dann wünsche ich viel Spaß beim Ausprobieren!

Mein Wunsch wäre es ja, einmal selbst eine solche Lösung herzustellen und dann Holz oder Glas oder Beton damit zu bepinseln und verrückte Sachen drauf zu auszubelichten… so richtig wissenschaftlich… mit Kontaktrahmen und selbstgebauter UV-Quelle… aber das wird wohl heute und morgen noch nix werden. Falls doch… erfahrt ihr es als erstes. Hier, an dieser Stelle… :pitti:

3 Antworten auf „Cyanotypie selbstgemacht – Aus den Kindertagen der Photographie“

  1. Toll, danke für deinen Artikel! Ich habe schon mal solche Bilder gesehen, wusste aber nie, wie man sie herstellt.
    Werde ich mal ausprobieren…

    LG

    Sabienes

    1. Huhu, Sabienes…. schön, daß du hergefunden hast… und schön, daß dir der Artikel gefallen hat… *freu*

      Wenn du es ausprobiert hast, zeigst du deine Bilder, ja? Bin doch neugierig… ;)

      Liebe Grüße… {#emotions_dlg.teddy3}

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