3 | “52 Bücher” – Deutsche Nachkriegszeit

Kein ganz leichtes Thema, das der Woche 3 im Monstermeute-Projekt „52 Bücher“. Dennoch fiel mir spontan ein Buch ein, welches ich schon lange nicht mehr zur Hand genommen, es aber – wie es bei den meisten guten Büchern der Fall ist – früher so oft gelesen hatte, daß mir vieles noch gut in Erinnerung ist. Für diesen Artikel las ich es trotzdem noch einmal in den letzten Tagen.

Das Buch „Gulliver im Irrenhaus – Erzählungen“ von Hasso Laudon aus dem Jahre 1986 ist beim besten Willen kein Kinderbuch, trotzdem bekam ich es von meinen literatur-resistenten Großeltern geschenkt, als ich noch keine elf Jahre alt war, sie brachten es mir aus einem Buchladen in Sotschi mit, aus ihrem Urlaub am Schwarzen Meer. Das Buch kostete damals 2 Rubel und 38 Kopeken. Sie erinnerten sich wohl, daß Gulliver irgendwie etwas mit einer Art Märchen zu tun hatte, und das Wort „Irrenhaus“ fanden sie vermutlich einfach nur lustig. Ist nur so eine vage Vermutung, eine Unterstellung, ein Versuch der Erklärung, ich hätte nie, nie, niemals dieses Buch einem Kind geschenkt. Da aber keiner genauer hinschaute, was ich da las, tat ich genau das: Ich las. Las manche Stellen mehrmals hintereinander. Ich wunderte mich. Ich stellte mir viele Fragen, verstand längst nicht alles. Dieses Buch war so anders als alles, was ich bis dahin gelesen hatte. Es ist auch heute noch anders.

Alle Erzählungen sind in der Ich-Perspektive geschrieben. In den Dialogen, bei jeder wörtlichen Rede, verzichtet Laudon auf die sonst üblichen Anführungszeichen, das macht das Lesen nicht schwierig, aber doch ungewohnt. Wir erfahren an keiner Stelle (…oder sollte ich sie all die Jahre überlesen haben? Ist es Hasso Laudon selbst?) den Namen des Erzählers. Es ist von „ihm“, von „dem Jungen“ die Rede, wenn andere Personen über ihn sprechen. Der 2. Weltkrieg ist vorbei, ist überstanden. Der Protagonist erlebt die letzten Tage seiner Schulzeit. Während sich seine Eltern Gedanken über seine berufliche Zukunft machen, schreibt er sich selbst Entschuldigungszettel, um nicht am Unterricht teilnehmen zu müssen. Stattdessen sitzt er im Park… Stunden jeden Tag… und liest. Gibt irgendwann Gebhardt, einem der Prostitution verdächtigen Mitschüler die Walther, damit der ihm im Tausch dafür den lang ersehnten „Kaspar Hauser“ aus der Auslage des Antiquariats holt. „Es war das einzige richtige Buch“, was er nun besaß.

Als ein trockener Knall in Händels Largo platzt, während der Feierstunde, nachdem die Jungen ihre Abschlußzeugnisse erhalten haben, bedeutet das das „Ende der Kindheit“. So lautet der Titel der ersten Erzählung, aus welcher auch alle Zitate hier stammen. Gebhardt hatte sich erschossen, mit der Walther.

[quote]Wahrscheinlich ist diese ganze Generation verdorben. Und wir können es ihr nicht einmal anlasten, nach allem, was hinter uns liegt. Hoffen wir also auf die nächste, wenn es noch eine geben wird.[1][/quote]

[…]

[quote]Aber Gebhardt ist tot. Und sie wissen nichts und wollen nichts wissen. Überhaupt nichts. Gar nichts. Genauso wie sie damals nichts wissen wollten, als man die Juden abtransportiert hat aus dem Altersheim in der Iranischen. Aber das Zeug haben sie sich herausgeholt. Aber einen Gaul wollen sie geschlachtet haben.[2][/quote]

 

Ich kenne niemanden, der dieses Buch ebenfalls gelesen hat. Mein Mann las die ersten Seiten, als er es hier in der letzten Woche herumliegen sah, und fand es… seltsam. Bizarr. „Strange.“

Durch den eigenartigen Schreibstil werde ich selbst zum Helden der Geschichte. Ich gehe wie er durch die zerbombten Straßen Berlins, ich sitze in verrauchten Kneipen und trinke Kartoffelschnaps… seine Gedanken werden zu meinen. Ich meine Glenn Miller zu hören und habe den Geruch von gebratenem Pferd und gekochter Katze in der Nase. Alles ist so bedrückend, düster. Aber man ist ja noch jung, man hofft… auf was auch immer. Und es sind Sätze wie dieser, die mich in ihren Bann ziehen:

[quote]Mütter wachsen in die Erde. Väter werden zu Schatten. Sind noch da und fangen trotzdem an, sich aufzulösen. Vielleicht muß das so sein. Vielleicht ist das immer so. Vielleicht nach einem Krieg ganz besonders.[3][/quote]

 

Zum Autor:

Ende März 1975 ging bei der Stasi-Zentrale in Berlin ein Treffbericht ein, der die Geheimdienstler aufs höchste alarmierte. Der Lektor Hasso Laudon, der seine Auftraggeber unter dem Decknamen „André“ emsig mit Informationen aus der Literaturszene belieferte, berichtete über einen Besuch des Schriftstellers Martin Stade: Der Autor habe ihm ausführlich von dem Plan erzählt, zusammen mit den Kollegen Klaus Schlesinger und Ulrich Plenzdorf einen „sogenannten Autorenverlag zu bilden“ und so der „Parteizensur auszuweichen“. […] Die Staatssicherheit reagierte auf diese Nachricht mit der größten Geheimdienst-Operation, die in der DDR jemals gegen ein literarisches Projekt reformfreudiger Schriftsteller inszeniert wurde.[4]

 

Es war das Einzige, was ich über Laudon herausgefunden habe.

 

Einzelnachweise:

1.-3. Laudon, Hasso: Gulliver im Irrenhaus – Erzählungen, Berlin : Buchverlag Der Morgen  (1986), ISBN: 3-371-00020-6

4. ↑ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9096069.html

 

 

5 Antworten auf „3 | “52 Bücher” – Deutsche Nachkriegszeit“

    1. Ja, lesenswert, das ist es wirklich.. finde ich…. Das Buch scheint es nur noch gebraucht zu geben… bei Amazon habe ich ein paar Marketplace-Anbieter gefunden, die es für ein paar Euro verkaufen….

      Ich hätte ja gerne noch mehr über den Autor herausgefunden… das, was man so liest, klingt ja schon irgendwie erschreckend…

      Und ja, Dateien anhängen… man weiß ja nie, wozu man das mal gebrauchen kann… 

       

       

  1. Wenn ich heute mal so zurückdenke was ich mit 9-13 von einem meiner Großelternpaare so  für Literatur etc. geschenkt bekommen habe . Aber heute weiss ich, das meine Oma damals sehr schlecht gesehen hat, ihre damalige Augenärtztin unter Naturkatastrophe einzuordnen ist/war und sie NIX aber auch gar nix gesagt hat und das mit einer renomierten Augenklinik innerhalb eines Radius von 50Km. Das haben ich und der Rest der Familie aber erst stückchenweise erfahren. Meine Oma war Kindergärtnerin, da hätte man ganz anderes erwartet. So habe ich einfach viel Jugendliteratur übersprungen und mich teilweise gleich auf Literatur gestürzt, die definitiv für ältere gedacht war.

    1. Oh je, die Arme… ob sie wohl wußte, was sie dir da schenkt…? Wer weiß, wofür sie die Bücher gehalten hatte…

      Naja, im Nachhinein bin ich auch dankbar für dieses Buch… aber es zeigt auch, daß Leute, die selbst nie ein Buch gelesen haben, die Wirkung, die ein Buch haben kann, total unterschätzen… oder überhaupt nicht kennen… *grübel*

  2. Das Buch hört sich sehr interessant an, nachdenklich und schmerzlich ehrlich. Aber es ist bestimmt keine leichte Kost – so etwas einem Kind zu schenken, finde ich fast schon fahrlässig, oder?
    Ich habe dafür mit 14 noch ein Bille & Zottel-Buch (oder so was ähnliches) bekommen und dachte, ich bin im falschen Film – zu der Zeit hatte ich gerade die Herr der Ringe-Trilogie hinter mir (in der nicht aufbereiteten Urform)…

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