2 | “52 Bücher” – Psssst: jetzt kommt ein Geheimnis!

Geheimnis… Geheimnis… ein Buch über ein Geheimnis? Ein geheimnisvolles Buch? Ein von Geheimnissen umgebenes Buch? Hmmm…. nicht ohne, das Thema der zweiten Woche des Monstermeute-Projektes „52 Bücher“ – erdacht von niemand anderem als unserem Fellmonsterchen.

Das Buch, welches ich euch vorstellen möchte, enthält gleich mehrere Geheimnisse. „Kreuz und quer durch Indien“ von S. Wörishöffer ist ein Jugendroman aus dem vorletzten Jahrhundert und damit per se schon irgendwie geheimnisvoll. Einst als Abenteuerroman – vorrangig für Knaben, man bedenke die Zeit – geschrieben, birgt es die spannende Geschichte um die beiden jungen deutsche Leichtmatrosen Richard und Oskar, die im indischen Dschungel kurz vor Mitte des 19. Jahrhunderts in einen Strudel aus Ereignissen geraten:

 

[quote]Das schöne schlanke Schiff, vom Monsun getrieben, flog durch die Wellen, und längst war das indische Festland den Blicken entschwunden. Während die Gedanken der beiden jungen Leute bisher mit einer Art von Heimweh oder unbestimmtem Verlangen das Missionsdorf, das Grab des Elefantenführers und die stattliche Gestalt Dschumbos wieder und wieder umschwebten, begann allgemach unter dem Eindruck des Neuen die jugendliche Heiterkeit ihr Recht wieder geltend zu machen.[1]
[/quote]

 

Kreuz und quer durch Indien

 

Da man damals, als das Buch erschien, davon überzeugt war, daß Bücher wie diese eigentlich nur von Männern geschrieben werden (können), verzichtete man auf die vollständige Nennung des Autoren-Namens, hinter „S. Wörishöffer“ aber verbarg sich niemand anders als Sophie Wörishöffer (* 6. Oktober 1838 in Pinneberg bei Hamburg; † 8. November 1890 in Altona), eine sehr erfolgreiche deutsche Schriftstellerin und Jugendbuchautorin, auch „Karl May von Altona“ genannt.

Als ich das Buch im Regal meiner Großeltern fand, welche selbst – von Tages- und Fernsehzeitung einmal abgesehen – eigentlich überhaupt nix lesen, war ich ungefähr 9 oder 10 Jahre alt und als ich es, das doch von außen so vielversprechend aussah, zum ersten Mal erwartungsvoll aufschlug, stand ich erst einmal vor einer Herausforderung: Es war natürlich in Frakturschrift gesetzt… Und nun? Aber ich war viel zu neugierig, und so schwer zu erlernen war es gar nicht. Bald hatte ich den Bogen raus und das Lesen fiel mir immer leichter, und etwas später brachte ich mir auch die alte deutsche Kurrentschrift bei.

Womit wir beim nächsten Geheimnis wären: Wer ist eigentlich Willy? Und wie um alles in der Welt heißt dieses Dorf? Denn das Buch enthält – wie damals oft üblich – eine handgeschriebene Widmung. Ich kann alles lesen, nur den Namen des Dorfes kann und kann ich einfach nicht sinnvoll entziffern, ihr vielleicht?

 

Onkel Willy

 

Nun könnte man ja meinen, daß das doch leicht herauszufinden wäre, wenn ich nur meine Großeltern um Rat fragte. Stimmt. Nicht. Denn das ist das nächste Geheimnis, welches sich um dieses Buch rankt: Es ist gar nicht das Buch von damals!

 

Hä? – Werdet ihr jetzt denken. Und mit Recht. Was ist also geschehen? Irgendwann im Laufe der Zeit kam mir das Original-Buch abhanden. Vielleicht während eines Umzugs, vielleicht – und das ist am wahrscheinlichsten – habe ich es versehentlich in einem anderen Leben zurückgelassen.

Wie auch immer, ich stellte irgendwann fest, daß es verschwunden war. Da ich aber so sehr an dem Buch hing, kam mir die Idee, es bei Antiquariatsbuchhändlern zu suchen. Genau diese Ausgabe mußte es natürlich sein. Mit genau diesen fünf wundervollen Bildern des Illustrators Karl Mühlmeister, der mindestens ebenso geheimnisvoll ist wie seine Aquarelle, denn man weiß fast nichts über sein Leben, außer daß er in Hamburg geboren wurde, in München lebte und Mitglied des Süddeutschen Illustratorenbunds war. Nicht einmal der Todeszeitpunkt ist bekannt….

 

Wunderschöne Illustrationen von Karl Mühlmeister

 

Wie ihr seht… ich bin tatsächlich fündig geworden. Es ist zwar nicht meins (ein kleiner verrückter Teil von mir hatte sich nämlich ausgemalt, wie es wäre, wenn mein Buch auf geheimnisvollen Wegen über verschiedene Käufer und Händler wieder zu mir zurückfinden würde… ich würde es auch nach all den Jahren noch erkennen!), aber es war die richtige Ausgabe. Sogar so gut erhalten wie meins. Ich bin seitdem noch nicht wieder dazu gekommen, es zu lesen (als Kind und auch später las ich es oft), aber allein die Gewißheit, es wieder im Bücherregal stehen zu haben, ist einfach nur schön.

Und nachdem ich während der Recherchen für diesen Artikel auf einige weitere antiquarische Romane von Sophie Wörishöffer in derselben Aufmachung mit Bildern von Mühlmeister gestoßen bin, könnte ich mir gut vorstellen, wie sie eines schönen Tages alle hier nebeneinander stehen. Wer weiß…?

 

PS: Um auch das fakultative Bonus-Motto „Was mit Karneval oder Faschingmitzunehmen: Die bei der im Roman beschriebenen blutrünstigen Tier- und Menschenopferung anwesenden Inder hatten allesamt den Kopf vermummt, bevor sie sich ihre Kleider ekstatisch vom Leibe rissen. Zählt doch, oder? ;)

 

 

Einzelnachweis:

1. Wörishöffer, Sophie: Kreuz und quer durch Indien, Verlag von A. Anton & Co. in Leipzig, um 1930, Kapitel 5, S. 73

6 Antworten auf „2 | “52 Bücher” – Psssst: jetzt kommt ein Geheimnis!“

  1. Ja, endlich was mit Karneval! :-)

    Da hast Du ja einen richtigen Buchschatz. Schön!

    Ich habe ja auch eine kleine Sammlung alter Bücher… Wäre auch mal ein schönes Blogthema. Aber ich muss glaube ich aufpassen, dass mein Blog kein reines Buchblog wird. :-)

    1. Ach, nix spricht gegen ein gerüttelt‘ Maß Bücher-Beiträge…. schon gar nicht, wenn es um Antiquitäten geht… Früher – damals – als mein Geruchssinn noch funktionierte, habe ich den Geruch alter Bücher geliebt… Hätte stundenlang in dem kleinen Antiquariat bei uns in der Altstadt vor den Regalen stehen können… Das fehlt mir heute sehr. Ich habe noch mehr alte „Schinken“, vielleicht sollten wir wirklich wenigstens ein Stöckchen draus basteln… „Zeig dein ältestes Buch“ oder sowas in der Richtung… *grübel* Aber vielleicht kommt das ja bald als Wochen-Thema in deinem Projekt…? *hoffnungsvoll-guck*

      Und ja… Karneval… endlich. 

       

  2. Das ist einer der schönsten Beiträge bisher in diesem großartigen Projekt – obwohl mich der Inhalt des Buches und der Schreib-Stil eher nicht so interessieren ;-)

    Doch die Geschichte, die Du erzählt hast, ist eine sehr schöne Geschichte – und ich habe mich ja schon ein- bis zweimal als Liebhaber Deines Stils geoutet (Grüße an Deinen lieben Mann :-) ).
    Diese Story rund um das Buch hat alles – sogar angedeutete Geheimnisse. Wunderbar …

    LG!

    1. Hihi… soso…als Liebhaber…  meines Stils… 

      Freut mich sehr, daß dir die Geschichte über und um die Geschichte(n) des Buches gefallen hat… Ich weiß nicht, ob ich dem Buch, würde ich es nicht kennen und sähe es heute in schnödem Einband und als Neuauflage bei Am*z*n oder sonstwo, überhaupt Beachtung schenken würde… ich bezweifle es. Aber so…. hat es etwas Magisches… Irgendwie.

      Liebe Grüße…

  3. Das ist ja mal wirklich geheimnisvoll! Was für eine schöne Geschichte zum Buch. Und ich kann verstehen, dass du genau jenes wieder im Regal stehen haben wolltest. :)

    Das Dorf könnte ‚Stephansdorf‘ heissen. Ich kann das nur mühselig entziffern, weil das für mich auch wie ein Mix diverser alter Schriftarten aussieht. Speziell am vierten Buchstaben hing ich, aber das könnte, wenn man es mit der Wikipedia Sütterlintabelle vergleicht ein ‚p‘ sein und dann macht der Rest auch Sinn.

    Bei den Rezepten meiner Uroma ist das ‚Übersetzen‘ meist einfacher, weil die Zutaten sich eher von selber ergeben. Dass du wirklich Bücher in den alten Schriften lesen kannst, finde ich extrem bewundernswert!

    *Edit: Link repariert. Ich muss mich an diesen Komfort hier erst gewöhnen. :D

    1. Whaaaah!!!! Stephansdorf! Ein „Hoch!“ auf Stephansdorf!!! Nein, auf dich, du Liebe! Das muß es sein… Jaaaaa….. der 4. Buchstabe…. Mööönsch, was’ne Klaue… aber ja… damit wird alles klar… tz… ein „p“…

      Und ja, ich mag diese alten Bücher in diesen alten Schriften… da war ich ganz verrückt nach früher…. es war (manchmal) fast egal, WAS drin stand, Hauptsache das Buch war richtig alt und die Schrift und das Papier vergilbt und bröselig und der staubig-trockene Geruch, den nur alte Bücher haben… hach..

      Ich danke dir… und ich freu mich, daß es dir gefällt.. und daß mein „Komfort“ hier auch funktioniert.. wobei mir da wieder einfällt, daß ich unbedingt neue Smileys basteln muß, weil die alten die letzte Umwandlung von PNG in transparente GIFs nicht gut überstanden haben…. 

      Liebe Grüße.. (Mail an dich kommt bald…. hab auch dafür vielen Dank..)

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