Ein Tag, merk- und merkerwürdig¹.

Der folgende Artikel beruht auf einer Annahme. Nehmt also bitte an, heute sei nicht heute, sondern vorgestern, der letzte Samstag also, der Tag², von dem dieser Artikel handelt. Habt ihr’s? Seid ihr soweit? Gut, dann kann es ja losgehen:

Nachdem wir nach dem Frühstück die Jungs zu den verschiedensten Großeltern gebracht hatten, fuhren wir mit dem Tochterkind zu einer Art Großhändler für Schreib- und Bürowaren. Und Faschingskostüme. Und Schulranzen. Und Tischdekorationen… sowas eben. Dort mußte ich die ernüchternde Feststellung machen, daß das einst auch höhere Ansprüche erfüllende Pinsel-Sortiment scheinbar dem Untergang geweiht ist, die letzten verbliebenen Pinsel sahen aus wie Spatzen, die nur knapp dem Angriff eines gierigen Greifen entgangen sind. Außerdem bekam ich dort weder das passende Papier noch die passenden Stifte.

Aber gut. Damit kann ich leben, schließlich gibt es ja auch noch den Online-Versand (bei dem ich mir gestern alles bestellen wollte, dann aber aus Neugier den Zurück-Button des Browsers gedrückt habe, obwohl ich genau wußte, daß das keine gute Idee sein würde, wenn man bedenkt, daß zu diesem Zeitpunkt der Bestellvorgang quasi abgeschlossen und man eigentlich die Eingabe meiner Kreditkartendaten erwartet hatte, was wiederum die Blockierung meines Warenkorbes nach sich zog und eine erneute Bestellung erst einmal unmöglich machte).

Bei schönstem Vorfrühlingsfreudewetter fuhren wir danach mit dem Auto zur Salzaquelle, der Drittgrößtenkarstquelleeuropas, wie wir nicht müde wurden zu betonen. Moment, stimmt nicht ganz. Vorher fuhren wir heim, damit ich meine Kamera holen konnte. Nicht, daß ich keine Kamera mitgehabt hätte, das nicht. Aber es war nur die kleine Kompakte. So hätte ich nur schlechtgelaunt knipsen können, das kann ja keiner wollen, nicht?

 

Als alle Bilder im Kasten waren (und ich sogar endlich die beiden diesjährigen Pflicht-Schneeglöckchen abgelichtet hatte), ging es weiter in eine prima Drogerie, die eine tolle Auswahl an glutenfreien, leckeren (!) Broten, Brötchen und Keksen hat. Als wir wieder alles vom Band in den Einkaufswagen gepackt hatten, kam eine ältere Frau auf uns zu und sprach mich auf eine bestimmte Sorte Brot an, wollte wissen, was da alles drin bzw. nicht drin sei, weil sie wohl an diversen Nahrungsmittelunverträglichkeiten litt.
Man kam ins Gespräch. Ach ja, die Verdauung, das Immunsystem, der Darm, die Ärzte, das Brot, die Bäcker, damals und heute, alles so teuer. Ich schreibe ihr auf, wie die Tropfen heißen, die ich seit kurzem nehme (darüber wird es in den nächsten Tagen noch einen Artikel geben), da fragt sie plötzlich, ob ich gläubig sei.
An diesem Punkt bewies sich wieder einmal meine eklatant rudimentär angelegte Menschenkenntnis, hätte es doch spätestens da bei mir klingeln müssen. Tat es aber nicht. Ich gebe – höflich, wie ich bin – eine ausweichende Antwort und dreieinhalb Sätze später stellt sich heraus, daß ich eine – wenn nicht sogar die! –  Z**g*n J*h*v*s vor mir habe.
Dem aufmerksamen Beobachter wäre ab diesem Zeitpunkt aufgefallen, wie sich Frau Magrat von nun an windet wie ein Aal, auf Höflichkeit bedacht, das Damoklesschwert der Toleranz über ihrem Kopfe kreisend. Unnötig zu erwähnen, daß die unvermeidliche kleine Broschüre, mit der wir schlußendlich ins Auto flüchten, den Titel trug „Alles Leid wird bald enden“, oder?

Als Nächstes machen wir uns auf in den Schuhladen, der nach dem französischen Schauspieler benannt wurde, welchen ich immer mit Bruce Willis verwechsle (so eine Art Prosopagnosie, glaube ich).
Dort begegnet mein lieber Mann einem alten Schulfreund, der ihn in ein langes, unerfreuliches Gespräch über Tod und Krankheit verwickelt, wir begegnen einer Kindergärtnerin unserer Großen nebst Gatten, welche wir wiederum in ein kurzes Gespräch über die Kinder im Allgemeinen und das Großwerden im Besonderen verwickeln und schließlich und endlich begegne ich dort einer Frau, von der ich zu 99 % sicher bin, daß ich mit ihr auf Facebook befreundet bin.
Und das wiederum war eine gar merkwürdige Situation, denn ich kannte ja nur ihr Profilbild, war zu schüchtern, um sie anzustupsen und hatte die vage Befürchtung, sie würde mich nach einer Begegnung im RL vielleicht lieber als Freundin entfernen wollen. Könnte ja sein, man weiß so wenig…
Naja, und außerdem war ja da noch dieses eine Prozent, welches mir sagte, daß diese Frau eben nur rein zufällig so aussieht wie die Frau vom bseplus-Dirk und auch nur rein zufällig zwei Kinder dabei hatte, welche ebenfalls Zwillingsmädchen sind, welche wiederum nur rein zufällig dasselbe Alter zu haben schienen… (Erwähnte ich schon einmal, daß es mir oft schwerfällt, Leute einfach anzusprechen? Von einigen wahnwitzigen Ausnahmen einmal abgesehen?)

Da wir also in diesem Schuhladen zwar massenhaft Leute trafen, aber nicht die passenden Schuhe für unser Tochterkind fanden, wagten wir den nächsten Schritt. Wir fuhren in die Südharzgalerie. Die so heißt, weil Nordhausen ja quasi im Südharz(vorland) liegt und weil Galerie als Namen für überfüllte Einkaufszentren, die aus vielen kleinen Läden verschiedenster Art bestehen, sich einfach so viel besser anhört als „Überfülltes Einkaufszentrum, das aus vielen kleinen Läden verschiedenster Art besteht“. So weit meine Theorie.

Wir suchen also den nächsten Schuhladen auf. Und ich weiß ganz ehrlich nicht, was an Stiefeln, die unten wie Sandalen gearbeitet sind, toll sein soll. Auch nicht, warum es immer noch Essengeld-Turnschuhe zu kaufen gibt. Ich hasse sie. Ich hasse sie so sehr. Aber ich will ja auch keine kaufen. Während ich mich also über die feilgebotenen Schuhwaren wundere, mit meinem Handy ein paar Fotos mache und das letzte bisschen Funkverbindung und Akkufüllung ausnutze, um sie schnell noch zu posten, hat unsere Große endlich ein paar Schuhe gefunden. Hurra.

Danach… fahren wir heim³.

 

¹ Aus „Alice im Wunderland“, in der Übersetzung von Günther Flemming. Im Original beginnt das 2 Kapitel mit `Curiouser and curiouser!‘ cried Alice (she was so much surprised, that for the moment she quite forgot how to speak good English); Im Deutschen findet man die unmöglichsten und unmöglichsten Übersetzungen, wie „ülkiger und ülkiger“ und „verquerer und verquerer“, ich bevorzuge allerdings die von mir hier gewählte.

² Schlimme Dinge geschehen momentan auf der Welt. Aber davon will ich hier aus Gründen nix schreiben. Nicht heute. Vielleicht niemals.

³ Ich weiß nicht, ob euch diese Beschreibung meines letzten Samstages auch nur annähernd merk-, geschweige denn merkerwürdig vorkommen wird. Vermutlich deckt sie sich sogar mit den Beschreibungen eines durchschnittlichen Samstages der meisten Leute. Aber glaubt mir, für mich… war er’s. ;)

11 Antworten auf „Ein Tag, merk- und merkerwürdig¹.“

  1. Hihi… ich bin von dem Bericht etwas erschlagen… :frog2: aber ein denkwürdiger Tag… ;-) Hast du denn recherchiert, ob es besagte „Frau von..“ war?

    1. Hehe…ja.. ein Bericht, der einen völlig fertig macht. Das war Absicht. ;)
      Und es gibt direkt eine „Frau von…“, das wußte ich ja gar nicht, wer ist das? SO sattelfest bin ich da nun doch nicht, was all diese verschiedenen Vereine angeht… :eule:

      1. Oh Mann… ich habe erst jetzt… ein halbes Jahr (oder so) später, beim nochmaligen drüberlesen… geschnallt, daß du mit „Frau von..“ nicht die Z**g*n J*h*v*s meintest, sondern die „Frau vom Dirk“… Aaaargh!!! Da kann man mal sehen, wie fertig ich damals war… :blush:

        Und ja… Sie war es.

        :frog2:

  2. Also das mit den Stiefelsandalen habe ich auch noch immer nicht begriffen. Ähnlich geht’s mir übrigens bei den aus einem halben Elch geschneiderten Fußsäcken, die dann zu nackten Beinen und Minirock getragen werden… :reindeer: :tod:

    1. Ja… das ist völlig verrückt, was da teilweise so in den Regalen steht. Dabei habe ich nicht mal etwas gegen ausgefallene Sachen, im Gegenteil. Nur…man muß es doch auch noch anziehen können, oder? UND darin laufen!!! Wir waren heute nochmal wegen Schuhen für den Mittleren los. Jungs-Schuhe gehen ja (meistens) noch. Die sehen immer sehr robust aus, die halten was aus. Aber was ich da gleich daneben bei den Mädchen-Schuhen so gesehen habe… welche Leute kaufen sowas bloß? :shock:

  3. Das Leben hält manchmal die seltsamsten Begegnungen bereit. Und ich meine dabei nicht die ältere Dame. ;)
    Du hast Dich definitiv nicht geirrt und damit werden aus den 99 nun 100 Prozent. Aber im Gegensatz zu Dir hat Dich meine Frau nicht bemerkt. Wahrscheinlich hätte sie noch nicht einmal Brad Pitt bemerkt (okay, den vielleicht), denn der Schuhkauf mit zwei vorpubertären Mädels bedarf der 150%igen Aufmerksamkeit. Aus dem geplanten „Ich fahr mal schnell mit den Zwergen wegen Schuhen …“ wurden eben mehrere Stunden.
    Ich finde, nach dieser Fast-Begegnung wäre bald mal eine Jawoll-Begegnung angebracht. Was denkst Du? :)

    1. Hihi..ja… nun bin ich irgendwie beruhigt, daß ich mich nicht so geirrt habe. Und daß ich deine Frau quasi nur anhand ihres FB-Profilbildes erkannt habe, wo ich mit dem (Wieder-)Erkennen von Leuten sonst echt Probleme habe… aber die Zwerge waren natürlich auch sehr hilfreich… ;)

      Und ja… ich denke… für so eine Jawoll-Begegnung… wird es nun langsam Zeit! :frog2:

      Liebe Grüße…

  4. Hapuh!
    Zu ³: Ja. Definitiv. Und ich kann mir lebhaft vorstellen, dass du dich, als du wieder zu Hause warst und die Anspannung nachließ, vermutlich wie ein ausgelutschter Drops gefühlt hast. Zumindest ist mir dieses Gefühl nach solchen ‚Ausflügen‘ sehr vertraut.

    „und weil Galerie als Namen für überfüllte Einkaufszentren, die aus vielen kleinen Läden verschiedenster Art bestehen, sich einfach so viel besser anhört als “Überfülltes Einkaufszentrum, das aus vielen kleinen Läden verschiedenster Art besteht”.

    100% d’accord.
    Hier nennen sie’s – noch heimtückischer – Loop 5. Dabei würde Loop 177 wenigstens die Anzahl der enthaltenen Läden korrekt wiedergeben. :tod:

    Was sind denn Essensgeldturnschuhe? Und diese Sandalenstiefel – sind die unten so besohlt oder so offen wie Sandalen? (Ich bin echter Schuhdau – das exotischste, das sich in meinem Schuhregal findet sind vermutlich Flipflops. :pitti: )

    Und schließlich musste ich natürlich sofort ins Regal gucken. Merk- und merkerwürdig sagt meine Übersetzung. Puh. :bunny:

    1. Also…. *Erklärbärkostom-anzieh* … Essengeldturnschuhe, das waren die Turnschuhe, die es damals® in der DDR® (fast ausschließlich) zu kaufen gab. Schuhe aus häßlich-blauem Stoff, mit dicker weißer Gummisohle und Gummirand (ich kenne die korrekten Fachtermini nicht… ;) ). Die kosteten 5,50 Mark. (EVP=Einheitlicher Verkaufspreis), zumindest in den Größen, wie ich sie damals trug. Für genau 5.50 Mark bekam man Essen-Marken für ein warmes Mittagessen, und zwar zwei(!) Wochen(!) lang. Damit waren es für mich immer Essengeld-Turnschuhe. Und sie ließen meine Füße aussehen wie Entenfüße. Ich habe es gehaßt. Ich hätte mich bei diesem Anblick jedesmal spontan mitten auf besagte Schuhe übergeben können. Hab ich aber nicht. Gab ja keine anderen. Hach ja. Naja… Manchmal hatte man Glück und ergatterte richtige Turnschuhe, aus Leder. Dafür mußte man meist in eine große Stadt fahren. Berlin war da immer vielversprechend. Da gab es auch Erdnußflips und Karamell-Milch. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte… :D

      Und die komischen Sandalen-Stiefel… sind unten tatsächlich offen. Also man kann sie wirklich nur anziehen, wenn es warm ist. Muß dann aber in Kauf nehmen, daß der Knöchel oder die Wade gar – naja, eben in einem Stiefel stecken. Beknackt, das. Finde ich.

      *Grinsekatze*

      :pitti:

    1. Danke..und nein. Kein Sigma, sondern ein Tokina. Genauer gesagt, das Tokina ATX 2,8/100 Pro D Macro AF. Schade, ich würde es noch viel lieber an eine „richtige“ Kamera stecken, als an mein kleine 1000D. Naja… ;)

      :sparschwein:

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