Ein mieser Tag und eine gute Tat

Es gibt Tage, die sind wie ein Griff ins Klo. Meistens handelt es sich dabei um Montage. Heute zum Beispiel. Ich erwachte, als sich unser Jüngster neben mich kuschelte. Schlaftrunken fällt der Blick meines halbgeöffneten rechten Auges auf das fröhliche Gesicht unseres großen, gelben Weckers. Dieser kurze Blick reicht, um mir langsam über drei Dinge klar zu werden:

Erstens: Es ist ziemlich genau um Sieben. Ganz genau weiß ich es nicht, denn der Wecker hat weder Ziffern noch Striche noch sonst eine Markierung. Zweitens: Es ist folglich nicht mitten in der Nacht, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern Zeit, aufzustehen. Jetzt. Sofort. Eigentlich aber schon viel früher. Drittens: Ich habe die Nacht nicht im Bett verbracht, sondern bin offensichtlich auf der Couch eingeschlafen, denn der große, gelbe Wecker steht in der Stube, auf dem Bücherregal. Schade eigentlich.

Egal. Der Programmablaufplan für Montage sieht vor, daß mein lieber Mann die Kinder frühs in Kindergarten und Schule bringt. Schnell schnell also, alles anziehen, frühstücken etc. und nix wie los.

Denkste.

Der Jüngste streikt, bummelt, zieht was an, zieht es wieder aus, holt sich etwas anderes, zieht es an, zieht es wieder aus…

Mein Mann fährt los, bringt das große Tochterkind fort, es ist schon spät, er muß noch auf die Arbeit.

Der Jüngste bummelt munter weiter, geht aufs Klo, läuft herum, grinst, geht nochmal aufs Klo, zieht etwas an, zieht es wieder aus…

Ich fange an zu schimpfen. Laut. Dann lauter. Mein Geduldsfaden dröselt sich langsam, aber stetig immer weiter auf, solange, bis er nur noch ein unscheinbares Geduldsfädchen ist, das mit einem gebrüllten „WENNDUDICHNICHTSOFORTANZIEHSTPASSIERTEINVERDAMMTESDONNERWETTER-WASGLAUBSTDUWIEDUDICHHIERAUFFÜHRENKANNST-JEDENMORGENDASGLEICHE-BUMMELSTUNDALLEKOMMENZUSPÄT-WAGEESJANICHTDASWIEDERAUSZUZIEHEN!’*?§$ZENG!!!§$“ einfach zerreißt.

Irgendwann hatte ich ihn dann zwangsangezogen und ihn – nun ganz Aufsteh-und Selbergeh-Verweigerer – dank glattem Fußboden und rutschender Hose bis zur Tür gezogen. Nein, das tut ihm nicht weh, nein, das macht keinem Spaß, ihm nicht, mir nicht, das alles ist höchst unerfreulich, aber da wir unsere Rüben nicht hauen noch sonstwie körperlich züchtigen, weil ich das für grundverkehrt halte, bleiben manchmal nicht viele Alternativen. Ja, das freundliche, aber bestimmte Auftreten, das spielerische, pädagogische Vorgehen, das in allen meinen Erziehungsratgebern angepriesene Sachen-am-Vorabend-rauslegen und das Rechtzeitig-Wecken-für-einen-entspannten-Morgen-und-ein-gemeinsames-Frühstück, das ist alles ganz prima. Aber in manchen Situationen FUNKTIONIERT ES EINFACH NICHT.

Was solls.

Ich erwähne hier auch nur am Rand, daß inmitten dieses Theaters auch noch a) das Klo verstopft war; b) sich ein Kabel am Haken der Speisekammertür kunstvoll verhakt hatte, welche sich somit nicht öffnen ließ und ich fast mit dem Kopf davorgesemmelt wäre; daß c)  – grad als ich das Kabel gelöst hatte und in die Speisekammer wollte – darin der Besen umfiel, sich quer hinter der Tür verklemmte, welche sich somit nicht öffnen ließ und ich mit dem Kopf davorgesemmelt bin; d) daß die Autoscheiben zum ersten Mal vereist waren und ich erstmal kratzen durfte.

Nach einer dreiviertel Stunde hatte ich die Jungs dann auch schon abgeliefert.

Zuhause wieder angekommen, wird erstmal klar Schiff gemacht. Mein Mann kommt von der ersten Runde Arbeit nach Hause, wir frühstücken, diesmal wirklich entspannt, und warten auf … Besuch. Kein Versicherungsvertreter diesmal, keine Verwandtschaft, kein Ausbauhaushai, nein, heute geht es um Therapien und Diagnosen. Hausbesuch. Elterngespräch. Nach einer Stunde ist auch das geschafft.

Nachmittags fahre ich los, die Jungs holen. Ich parke kunstvoll das Auto vor dem Kindergarten und sehe plötzlich eine ältere Dame direkt auf meine Fahrerseite zusteuern. Schnell gehe ich all meine nichtbegangenen Park- und anderen Sünden durch. Was will sie bloß? Ich steige aus. Zaghaft fragt sie mich nun, ob ich ihr wohl helfen könne. „Klar!“ rufe ich erleichtert. „Ob sie mir wohl beim Ausparken helfen können und schauen, daß ich nirgendwo mit dem Auto hängen bleibe?“ Aha, daher weht der Wind. „Ja, na klar, kein Thema.“

Bin ja kein Unmensch. Dirigiere sie souverän aus der Parklücke, als hätte ich nie etwas anderes gemacht. Im Ein- und Ausparken bin ich einfach einsame Spitze, da macht mir keiner was vor (abgesehen von den Tagen, wo ich mich anstelle wie der erste Mensch, aber das ist ein anderes Thema, kommt äußerst selten vor und soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden).

Die ältere Dame mit der mürrischen, älteren Beifahrerin winkt mir zum Abschied glücklich zu. Ich hoffe, sie muß nie wieder irgendwo parken.

Die Jungs waren übrigens guter Dinge, spielten, kletterten, lachten – bis dem Jüngsten einfiel, daß wir seinen roten Kuschelpullover im Kindergarten vergessen hatten. Da waren wir schon fast zuhause. Als ich ihm mitteilte, daß er ihn morgen ja wiederhätte, fing er an zu schreien. Mit einem laut jammernden Kind und einem Mittelkind mit Kopfschmerzen stieg ich zuhause aus und grad, als ich unten zur Haustür hineinschlüpfen wollte, bemerkte ich noch, daß wir (vermutlich) die ganze Zeit von einer Nachbarin durch’s Fenster beobachtet worden waren. (Vermutlich hatte ich dieselbe Nachbarin heute früh mit meinem barbarischen Geschrei schon geweckt. Möglich wär’s.)

Was für ein Tag. Ich mag keine Montage. Ich mag sie einfach nicht.

9 Antworten auf „Ein mieser Tag und eine gute Tat“

  1. Es gibt Tage, da sollte man im Bett bleiben… haha. Da nutzt dann mein Motto -lächeln und winken Männer, lächeln und winken- auch nichts mehr.
    Liebe Grüße Petra
    sternthaler75 schrieb letztens..HerbstZeitMy Profile

    1. Hihi… ja, das sagen wir uns auch oft: „Stur lächeln und winken, Männer – lächeln und winken.“ Vielleicht sollte man tatsächlich versuchen, öfter so zu denken…

      :frog2:

  2. Wuhä! – war so der erste Gedanke bei mir beim Lesen! Was für ein vermaledeiter Montag.

    Liebe Magrat, mögest du dafür heute mit dem Kopf auf Rosenblüten erwacht sein, mögen die Rüben heute Marionetten sein, deren Fäden von guten Feen in rosa Glitzerfummeln gelenkt werden und mögen die einzigen Klänge, die heute ihren Rübenmündern entweichen deine Lieblingslieder in anbetungswürdiger Qualität sein. Möge die Sonne scheinen, jedoch so dezent, dass sie dir keine Sekunde lang in die Augen blendet. Möge deine Kaffeetasse, jedes Mal, wenn du deinen Blick auf sie lenkst, voll und der Kaffee darin heiss sein. Mögen alle dussligen Verpflichtungen einen Tag Pause einlegen und dich heute nur genau das machen lassen, wonach dir der Sinn steht und mögen alle arschigen Mitmenschen heute bewusstlos zusammenbrechen, just bevor sie dir den Tag verhageln.

    Äh ja. Also ich meinte: Ich drück Daumen, dass der Tag heute besser für dich wird. Genauso doof wie gestern geht ja kaum mehr! :koala:

    Liebe Grüße!
    Katja schrieb letztens..Da langMy Profile

    1. Ooooh… das klingt so wunderwunderschön, was du da schreibst… und als ich das zum ersten Mal las, lag mein Kopf auch, aber leider nicht auf Rosenblüten, sondern auf einem Zwiebelsäckchen, und die Rüben benahmen sich nicht wie Marionetten, sondern eher wie Holzköpfe (sorry, Kinder, is aber so), und die Feen in Glitzerfummeln MUSS ich unbedingt HABEN und die Lieblingslieder der Rüben klangen wie „Ich bin ein Gummibär“ und das ist VERDAMMICHNOCHEMAL kein bisschen anbetungswürdig und die Sonne brezelte sich auf dem verwaisten Balkon und brannte sich mir langsam durch die Netzhaut, wann immer die Kopfschmerzen es zuließen einmal kurz die Augen zu öffnen und die Kaffeetasse war eine Teetasse und dussligen Verpflichtungen pausierten, um sich zu stapeln und die ARSCHIGEN Mitmenschen – nun ja, ich bin sicher, es ging ihnen GUT.

      Doch dann las ich ja deinen wunderwunderschönen Kommentar, liebe Katja, und alles war gleich ein bisschen … besser.

      teddy3:

      1. Ich seh’s ein: das mit den guten Wünschen muss ich noch ein wenig üben. Also der Geist ist ja schon willig, aber das mit der Umsetzung…. Äh ja!
        Katja schrieb letztens..JesseMy Profile

  3. Ui, die ganze Nacht auf dem Sofa?? Das pssiert mir nicht, ich wache mitten in der Nacht auf und weiß gar nicht wer, wo, warum … und überhaupt… ich bin :pray: Montage finde ich nicht weiter schlimm, da ich mir meine Termine überwiegend selbst machen kann. Im „anderen“ Leben (montags wieder sofort der Wochentrott) war das bei mir aber auch so. Naja…heute „war“ ja schon Dienstag…. :frog2:

    1. Meistens wache ich auch mitten in der Nacht auf, wenn ich mal auf der Couch einschlafe, oder mein lieber Mann holt mich oder eine Rübe… naja, aber SO oft, wie sich das jetzt anhört, kommt es nun auch wieder nicht vor… ;)

      Montage könnten mir auch egal sein, weil ich ja nicht los muß und normalerweise alle drei Rüben unterwegs sind. Aber manchmal… naja, so ein Rübenwochenende (und es ist ja immer eines) schlaucht schon ziemlich, da braucht man den Montag, um sich zu erholen, und wenn dann so etwas dazwischenkommt… Raa-bääääh!!!

      :frog2:

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