Ihre letzte Wanderung

So sollte es nicht enden. So doch nicht. Sie hatte doch noch soviel vor!

Schneeflocken treiben vor ihren Augen. Fallen dichter und dichter. Immer schneller. Der Wind weht.

Vor einigen Minuten noch war alles wie immer. Ihre Familie läuft vor ihr. Der Abstand vergrößert sich, sie bleibt zurück, um mit ihrer Kamera schnell noch eine Pflanze, einen Baum, die Landschaft zu fotografieren. Dafür muß sie stehen bleiben. Immer wieder hockt sie sich hin, um ganz nah an ihrem Motiv zu sein. Zierliche Schneekristalle, längst vertrocknete Blütenreste.

Langsam wird es dunkel. Sie schaut kurz auf und merkt plötzlich, daß sie  ganz allein ist. Allein auf einem schneebedeckten Feld, dicht daneben beginnt der Wald. Ihre Familie ist nicht mehr zu sehen, also müssen sie schon um die kleine Biegung herum und auf dem Weg am Waldrand sein.

Wenn sie jetzt zu laufen beginnt, kann sie sie noch einholen, bevor sie am Auto ankommen. Die Kameratasche eng an sich gepreßt, fängt sie an, die ersten Meter zu rennen. Da plötzlich durchfährt sie ein stechender Schmerz. Es ist wieder das Knie, denkt sie. Langsam geht sie weiter, als sie plötzlich von einem seltsamen Gefühl übermannt wird. Als würde ihr schwindlig, aber die Welt dreht sich nicht vor ihren Augen. Als würde sie nicht mehr atmen können, aber sie hört sich selbst panisch Luft holen. Die Schneeflocken fallen schneller und schneller, der Wind weht heftiger, alles um sie herum ist auf einmal in ein unwirkliches, blaues Licht getaucht.Sie kann sich selbst sehen. Sieht sich allein hier stehen und ihre Welt immer kleiner werden.

Es ist das Herz, denkt sie nun. Ich kann nicht mehr weiter, kann nicht mehr laufen. Sie spürt ihr Herz vor Angst immer schneller schlagen, sie hört das Blut in ihren Adern rauschen und dann ist sie wieder da: die Angst. Angst, jetzt und hier sterben zu müssen. Ganz allein, auf einem einsamen, schneebedeckten Feld, ihre Familie nicht weit von ihr auf sie wartend, nicht weit, aber unerreichbar fern.

So sollte es nicht enden. Das hier konnte doch nicht das Letzte sein, was sie in ihrem Leben sieht!

Noch immer klopft ihr das Herz bis zum Hals, sie bemüht sich, ruhig zu atmen, ruhiger zu werden. Noch immer wartet ein kleiner Teil von ihr ängstlich darauf, daß ihr Herz wieder zu stolpern beginnt, unregelmäßig  sich überschlagend.

Da! Da war es wieder! Das Gefühl, als würde nun alles aus dem Takt geraten, ihr Herz,  und damit sie, und damit das Leben. Ihres und das ihrer Familie.

So sollte es doch nicht enden!

Doch sie kennt diese Angst. Es ist nicht das erste Mal. Und dieser Gedanke beruhigt sie merkwürdigerweise. Auf einmal kann sie wieder ruhiger atmen. Sie weiß, daß ihrem Herzen nichts fehlt. Es ist die Angst vor der Angst, die sie so überfallen hatte.

Langsam geht sie weiter. Nun kann sie den Boden unter ihren Füßen wieder spüren. Sie sieht die flachen Schuhabdrücke ihrer Kinder und die tiefen Spuren ihres Mannes im frisch gefallenen Schnee.

Sie folgt ihnen, in ihren hohen Winterstiefeln langsam einen Fuß vor den anderen setzend. Es ist nicht mehr weit.

Noch immer schneit es und noch immer weht ein kalter Wind. Doch nun kann sie schon die Stimmen ihrer Kinder hören, sie lachen und sie streiten sich. Nur noch wenige Schritte sind es bis zum Auto, dann hat sie es geschafft.

Denn so sollte es nicht enden.

Eine Frage bleibt offen: Warum dachte sie keine, nicht eine Sekunde lang daran, um Hilfe zu rufen?

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