Zeitmaschine

„Alle tot…“ – muß ich immer wieder denken. „Die sind jetzt alle tot…“

Es läßt mir gar keine Ruhe. Seit Jahren stehen zwei kleine, alte Photoschachteln in unserem Bücherregal. „Kodak“ steht auf der einen und „Berlofot“ und „Berlolux“ auf der anderen. „Berlolux“ scheint nicht einmal Google so richtig zu kennen, aber wenigstens „Kodak“ dürfte den meisten ein Begriff sein.

Doch nicht die Firmen sind es, über die ich nachdenke. Es sind vielmehr die Menschen auf den Photos, die in den beiden Photoschachteln liegen.

Wie alt werden diese Bilder sein? Die Jüngsten dürften aus den 50er Jahren stammen und damit gut und gerne an die 60 Jahre alt sein. Und dann sind da noch die Bilder vom zerbombten Nordhausen und auch aus den 20er und 30er Jahren.

Bilder von Menschen, die ich nicht kenne, die mit mir nicht verwandt sind, denn diese Schachteln gehörten niemanden aus unserer Familie. Sie standen irgendwann einmal in einem leeren Keller des Wohnblockes, in dem ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich gehörten sie der alten Dame, die einige Zeit zuvor verstorben war. Wir nahmen sie an uns, es war niemand mehr da, der nach ihnen hätte fragen können.

Nun stehen die Schachteln also in unserem Regal. Ab und zu blättere ich durch die Photostapel und muß immer wieder diese Worte denken: „Alle tot…“

Auch viele Kinder sind auf den Bildern zu sehen, von ihnen sind bestimmt noch einige am Leben.

Aber all die Erwachsenen, die Eltern dieser Kinder, die damals, als diese Bilder entstanden, gerade frisch verliebt zu sein schienen, gerade geheiratet hatten, gerade ein Kind bekommen hatten, gerade so alt waren wie wir heute. All die alten Leute, die hier beim Spazierengehen photographiert wurden, der alte Mann in seiner Uniform – ich wage nicht darüber nachzudenken, was für eine Uniform das wohl war – all diese Menschen sind nun tot.

Ich sehe Straßen, durch die ich erst vor wenigen Tagen mit meinem Mann entlangging, ich sehe die Treppe, von der ich nun schon so viele Bilder gemacht habe, ich sehe plötzlich ein Photo, das mir die Stadt genauso zeigt, wie ich sie sehe, wenn ich aus einem der Kinderzimmerfenster schaue – wer immer vor so vielen Jahrzehnten dieses Bild machte, er muß hier ganz in der Nähe gewohnt haben.

Alles ist so unwirklich. Das Betrachten dieser Bilder macht mich nachdenklich und – ja, auch traurig: „Das ist alles?“ – denke ich dann. „Alles was bleibt, sind diese Bilder? Was wird von uns übrig bleiben? All die Bilder, die wir heute machen? Wer wird sie sich anschauen, wenn wir nicht mehr sind? Und warum vergeht die Zeit so schnell, warum werden Kinder so schnell groß, warum wird man selbst so schnell alt? Warum?!“

Irgendwann klappe ich die Schachtel wieder zu und komme langsam zurück ins Hier und Jetzt. Dann räume ich meine ganz persönliche Zeitmaschine wieder zurück ins Bücherregal…

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Sagte ich schon, daß mich das Betrachten alter Photos deprimiert? Aber ich kann nicht anders, denn ich liebe diese alten Bilder…

Für meinen Photoblog hab ich nun diese beiden Schachteln photographiert. Und da zwei meiner Kommentatoren dort auch gerne einige der Bilder sehen wollten, brachte mich das auf eine Idee. Ich werde nun in der nächsten Zeit einige der Bilder scannen und auf mein Flickr-Album „Nordhausen-Historisch“ hochladen.

Der Zufall wollte, daß auf unserer Foto-Safari auch Bilder entstanden, die an nahezu denselben Standorten aufgenommen wurden wie einige der historischen Photos. Diese werden auch im Album erscheinen, denn ich finde es schon sehr interessant, wie sehr sich manche Teile der Stadt im Laufe der Zeit geändert haben, während ganze Straßenzüge nahezu gleich geblieben sind.

Anmerkung:

Viele dieser historischen Photos zeigen – mehr oder weniger erkennbar – Menschen. Sollte ein Album-Besucher meinen, jemanden auf den Bildern erkennen zu können oder ist jemand in der Lage, nähere Angaben zu Ort und Zeit einer Aufnahme zu machen, so möge er sich bitte unbedingt mit mir in Verbindung setzen!

Vielen Dank.

7 Antworten auf „Zeitmaschine“

  1. wow, ich bin ja begeistert von solchen alten fotos. überhaupt von alten dingen, ich mache ja nicht umsonst meine ausbildung in einem stadtarchiv.

    hat nordhausen ein stadtarchiv oder gehört zu einem landkreis, so dass es vielleicht ein kreisarchiv gibt? vielleicht sind die leute dort ja an den bildern interessiert oder können bei anfragen vermitteln?

    ich bin jedenfalls ziemlich auf weitere bilder gespannt!

    deine gedanken zu den fotos sind grandios. was wird aus familienfotos, wenn keiner mehr aus der familie da ist. aber andererseits: wir brauchen fotos und erinnerungen. leute, die fotos aus irgendwelchen gründen wo zurück lassen mussten oder sie verloren haben, können das sicherlich bestätigen.

    1. Du machst eine Ausbildung in einem Stadtarchiv? Das ist ja toll… Wie heißt denn der Ausbildungsberuf?

      Und ja, Nordhausen hat ein Stadtarchiv: http://www.archive-in-thueringen.de/index.php?major=archiv&action=detail&object=archiv&id=80 , falls du mal schauen magst. Der Archivleiter ist mein ehemaliger Klassenlehrer… :-)

      Wir haben hier auch ein interessantes Museum und diverse Sammlervereine. Unsere Kinder interessieren sich auch schon sehr für solche „alten“ Dinge, ab und zu gehen wir mit ihnen in den Tabakspeicher, das ist ein kleines, aber sehr schönes, Museum.

      Einige weitere Bilder hat mein Mann gestern noch gescannt, ich werde die dann noch ein wenig herrichten und hochladen…
      Freut mich sehr, daß dich das interessiert!

      Was du über die Fotos schreibst, kann ich nur bestätigen. Sie sind wirklich wichtig und ich hätte auch absolutes Verständnis dafür, wenn eines Tages doch noch Verwandtschaft der alten Dame auftauchen würde und die alten Fotos gerne haben würde…

  2. Klingt zwar komisch, aber manchmal habe ich auch solche Phasen, wenn ich alte Bilder sehe. Dann kommen in mir die gleichen Gedanken hoch: „Die Leute gibts jetz gar nicht mehr“ oder „was die damals in dem Moment der Aufnahme wohl gedacht haben?“

    Eigentlich sinnlos, dass man solche Gedanken hat, aber ab und zu kommen einem halt solche Fragen auf.

    1. Na, das beruhigt mich ein wenig, daß es anderen auch so geht…
      Und vielleicht ist das ja teilweise auch Sinn und Zweck solch alter Fotos, daß man sie nicht nur anschaut und weglegt, sondern auch ein wenig drüber nachdenkt….?

  3. der beruf heißt „fachangestellte/r für medien- und informationsdienste“ und das gibt’s in 5 fachrichtungen (archiv, bibliothek, information und dokumentation, bildagentur und medizinische dokumentation, letzteres ist aber nur sinnvoll, wenn man sich gut mit medizinischen fachbegriffen auskennt oder sehr daran interessiert ist). das gibt einem verschiedene möglichkeiten, einen beruf zu finden, falls mal in der eigenen fachrichtung nichts da ist. bildagentur gibt es auch in verschiedenen formen. z.b. alte fotos im staatsarchiv preußischer kulturbesitz oder aber in modernen agenturen wie die dpa.

    wenn das bilder aus celle wären, wäre meine chefin sicher sehr daran interessiert, die bilder mal anzuschauen, könnt ich mir vorstellen. meistens wenden sich leute ja an das archiv, wenn sie nach alten fotografieren suchen.
    ich finde es auf jeden fall sehr toll, dass ihr euch der bilder angenommen hat.

    der andere gedanke zu den erinnerungen kommt daher, dass ich vor der ausbildung in der gedenkstätte bergen-belsen gearbeitet hab. ich hab dort leute kennen gelernt, die ihre habe verloren haben und die sich riesig gefreut haben, wenn sie über umwege von entfernten verwandten doch noch alte fotos bekommen konnten.

    1. Das klingt ja wirklich interessant…. Zeit, um über eine Umschulung nachzudenken… *grübel*

      Du hast in Bergen-Belsen gearbeitet? Stelle ich mir ebenfalls sehr interessant vor, aber bestimmt auch nicht immer einfach… Hast du vielleicht selbst auch Führungen geleitet oder ähnliches?

      Bei uns hier ganz in der Nähe ist ja eine ähnliche Gedenkstätte, KZ Mittelbau „Dora“, kennst du das vielleicht?

  4. ja, ich hab dort auch führungen gemacht, aber auch im archiv gearbeitet. und zwar größtenteils mit cds auf denen gescannte fotos waren. auch private fotos von familien und so.
    klar kenne ich mittelbau dora. dort gibt es auch eine fsj kultur-stelle. ich war aber noch nie dort, kenne es nur aus berichten.

    man hat natürlich im archiv nicht nur mit alten akten und alten fotos zu tun, mein aktueller bestand von akten, an dem ich seit endlosen wochen hänge, ist z.B. von 1992, was ich noch nicht als „alt“ betiteln würde.

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