W-Markt-Phobiker

„Jingle bells, jingle bells, jingle all the way….!!!“ – quakt es mich an, ganz munter. Und „Ooooh … du … fröh…li…chehe … ooooh … du …. seeligehe…“ schwingt es zu mir herüber. Da vorne, am Weihnachts-Caipi-Stand, tönt es  „Silent night, holy night..“ – in einer Art zwanghaft möchtegern-hippen Tonart. Hinter mir – ganz rührend – „Laßt uns frohoh uhund munter sein…“.

Dazwischen: Menschen.

Nein, ich gehe nicht absichtlich auf einen Weihnachtsmarkt. Schon die ganzen letzten Jahre nicht. Nicht, seitdem ich für mich beschlossen habe, daß ich mir solche Dinge nicht mehr antun werde. Nicht, seit ich WEISS, warum es mir so zu schaffen macht und warum ich eben keine Freude daran habe, in gesundheitsbedenklicher Nähe zu anderen … Leuten über einen Platz, der gestern noch ganz unschuldig einfach DA war, mitten in der Stadt zu laufen, der nun mutwillig beleuchtet und beschallt und mit geschmacklosen Jahresend-Flügelfiguren dekoriert wird.

Nein, das war nicht immer so, früher (Sie wissen schon, damals, als Frau Magrat noch jung usw. usf. ), da ging ich auch gelegentlich auf einen W-Markt. Weil ich dann mein obligatorisches Bratwürstchen essen und dazu lecker Glühwein oder ganz und gar heißen Met trinken konnte. Das machte das Ganze… erträglich. Wenn man aber Ersteres nicht mehr zu sich nehmen kann, weil ja Gluten enthalten sein könnte und wenn, dann sowieso nur ohne das Brötchen, und wenn man dann Letztere nicht mehr zu sich nehmen kann, weil man dann mit spontanen Niesattacken und ähnlichem zu kämpfen hätte, dann… ja dann, dann macht das alles ÜBERHAUPT keinen Spaß mehr.

Außerdem ist es unlogisch.

Gestern nun – verkaufsoffener Sonntag in der Stadt, was mich ja sonst herzlich wenig kümmert – hatte ich mir fest vorgenommen, mit meiner lieben Familie in den FOTO-Laden zu gehen, um nun endlich meine alten und neuen Filme zur Entwicklung zu geben (die Analog-Photographie hat mich wieder, jedenfalls ein wenig).

Als ich diesen Gedanken gefaßt hatte, ahnte ich ja noch nix vom Weihnachtsmarkt. So stand nun aber diese Idee in den sprichwörtlichen Stein gemeißelt vor mir und wir zogen los.

Bereits nach den ersten Hundert Metern war ein erhöhtes Menschenaufkommen meßbar. Einmal in der Stadt angekommen, wurde aus dem „Ganz schön was los heute“ ein „Aaargh! Ich muß hier weg!“.

Gewimmel.

Schnell in den Fotoladen. Darinnen: erfreuliche Leere. Ich erfahre, daß 35mm-Filme erst ab 30 Jahren als „alt“ gelten, daß nur noch selten Leute kommen, die Filme zu entwickeln haben und daß nur noch 2 ISO 400-Filme vorrätig sind, á 36 Bilder, die ich für 7,- € erstehe.

Doch kein Besuch im Fotoladen ohne anschließendem Besuch im Buchladen.Darinnen: Chaos. Alles voller Menschen. SO kann man unmöglich Bücher kaufen! Macht mir sonst das Über-Angebot an Büchern zu schaffen, so daß ich deshalb fast alles bei Amazon kaufe, ist es diesmal das Über-Angebot an Leuten.

Wären wir doch bloß nachts losgegangen!

Der Buchladen befindet sich – wie sollte es anders sein – auch noch in unmittelbarer Nähe des – Sie ahnen es – W-Marktes.

Nein, wir hätten nicht drüber gehen müssen. Aber da wir die Pyramide in Augenschein nehmen wollten, an deren Entstehung der Vater der Frau Magrat nicht ganz unbeteiligt war, und diese – wie sollte es anders sein – natürlich am uns gegenüberliegenden Ende stand (die Pyramide, nicht Frau Magrat!), mußten wir MITTEN DURCH.

Ich verstehe es nicht.

Man kann sich doch in solch einem Gedränge weder unterhalten noch essen noch in Ruhe irgendetwas an einer der Buden kaufen?

Wie machen die Leute das? Und warum? Wozu?

Wenigstens hatte ich meine Kamera dabei und konnte ein paar ganz schöne Bilder machen.

Dabei erhält man dann Blicke von Leuten, die sich vermutlich wundern, warum ich mit meiner „großen“ Kamera um den Hals herumlaufe und obendrein auch noch Bilder mache. Im Buchladen. Von Häusern. Von meinen Kindern.

Seltsame Welt.

Auch seltsam: unser Jüngster besteht seit etwa einer Woche (= einem gefühlten halben Jahr) darauf, die knallrote Baseballkappe mit der Aufschrift „DEKRA“ (Werbegeschenk!) zu tragen. Das sieht nicht aus. Ich finde es fürchterlich. Aber wenn er dann noch darauf besteht, seine second third hand – Jogginghose auch außerhalb der Wohnung zu tragen, deren verblichene Rottöne (der Hose, nicht der Wohnung!) das Knallrot der Kappe dezent unterstreichen, dann bin ich manchmal sehr froh, daß sich das a) vermutlich sowieso bald wieder geben wird und b) bekanntlich nur die inneren Werte zählen.

Wie gesagt. Seltsame Welt.

6 Antworten auf „W-Markt-Phobiker“

    1. Oh, mein erster Tätschel, und noch dazu so ein schöner, so ein bombastischer!

      Ich bin gerührt, ich wußte davon wirklich rein GAR NiX, haach, es ist mir eine unsägliche Ehre…

      Geht weg mit eurem Bambi, Golden Globe und wie sie alle heißen!!!

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