Klischee-Mütter

So ein Klischee ist ja etwas Schönes. Es eignet sich prima, um wildfremde Leute, die man zuvor in seinem Leben noch NIE gesehen hat, innerhalb kürzester Zeit ein- oder weg zu sortieren. Mütter zum Beispiel.Da gibt es die Über-Mutter, die gleich mehrere Erziehungsratgeber – zu jeweils einem Thema wohlbemerkt – besitzt, PEKiP, Waldorf und Montessori freihändig buchstabieren kann und deren Kind, welches sie sich nach jahrelangem Karriereaufbau entschlossen hat zu bekommen, wurde bereits pränatal für mehrere Fremdsprachenkurse angemeldet und spielt jeweils ein Tasten- und ein Streichinstrument, natürlich noch vor dem Abstillen. Und dann gibt es da die Unter(schichten)-Mutter. Ihr Kind heißt Chantal, wenn es ein Mädchen ist, ansonsten vermutlich … nicht. Ihr pädagogischer Ansatz läßt sich mit folgenden Worten wiederspiegeln:

"Man bläkt nich, mache dich raaas da, du!"

Wie jetzt, was meinen Sie? Das sei nur ein Klischee? Na sag ich doch. Das Interessante daran aber ist, daß es eben genau solche Mütter gibt, die nicht nur dieses Klischee erfüllen, sondern es obendrein auch noch sprengen! Da ich heute wieder einmal die Gelegenheit hatte, drei Stunden im Wartezimmer der besten Kinderärztin der Welt zu sitzen (doch wirklich, denn anderenfalls würde ich doch keine DREI Stunden warten!), und während dieser Zeit nun erhält man klitzekleine, aber ungemein vielseitige, Einblicke in das nach außen getragene Familienleben der Anderen. Ein wenig schade ist es allerdings, daß man es sich nicht aussuchen kann, man ist ja gezwungen, dies alles mitzuerleben. Und als wär es damit nicht genug, nein, man ist auch noch zu elendem Nichts-Tun verdammt! Oder haben Sie sich schon einmal eingemischt, wenn eine Mutter pädagogisch völlig untragbar von ihrem Vorschulkind verlangt, es solle das Werkzeug von Bob, dem Baumeister, gefälligst nicht rot malen? Sehen Sie. Frau Magrat zappelt aber (innerlich, nur innerlich) hin und her, wenn diese Frau auch noch ein viertes oder fünftes Mal ihr Kind zur Schnecke gemacht hat, weil es angeblich die "falschen Farben" benutzt hat. Ich meine, man WEISS doch heute, wozu es führen kann, wenn man das Verlangen zu malen unterdrückt oder die Leistungen eines Malers nicht anerkennt! Ich sage nur "Kunstakademie" ! Und dann ist da ja auch immer noch die Sache mit der Verpflegung: Je nachdem, wie man so eine Mutter, oder Vater, ja, ich weiß, natürlich kümmern sich auch ganz viele Väter und dergleichen, je nachdem, wie man also so eine erziehungsberechtigte Person einordnet, Schublade, Klischee, Vorurteil, nennen Sie es, wie Sie wollen, je nachdem fällt auch die Verpflegung aus. "Wie jetzt…Verpflegung, verstehe ich nicht, im Wartezimmer…?" – höre ich Sie da jetzt fragen. Ja. Im Wartezimmer eines Kinderarztes geht es zuweilen zu wie bei der Mitteleuropäischen Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft. Da wird aufgetafelt. Da wird (re)präsentiert! Hier ist es nur ein kleines Hipp-Bio-Milchbrei-Gläschen, dort eine Tupperdose voller Apfelstücke (aus biologischem Anbau, will ich hoffen!), das nächste Kind futtert Kekse, davon jedoch immer nur eine Hälfte, die andere wird gefühlvoll in den Teppich getreten oder der Nachbar-Mutter (das bin dann meistens ich) mit kekskrümelspuckenassen Händen ans Bein geklebt. Manch ein Kind hat Glück und kann aus der vollen Gummibärchentüte schöpfen, während andere mit Plunderteilchen und Spritzkuchen langsam bis an die mütterlichen Ausmaße herangemästet werden. Schön anzusehen, aber von nichts kommt ja bekanntlich nichts. Ich war noch nie in einer Arztpraxis, in der hauptsächlich ausge- bis erwachsene  Patienten anzutreffen sind, wo derart aufgetischt und geschlemmt wird. Es scheint so eine Art der Übersprungshandlung zu sein, wie wir Hobbypsychologen sagen. Um Angst, Aufregung und (am gefährlichsten) Langeweile zu unterdrücken oder doch wenigstens so lange wie möglich hinauszuschieben, werden die Kinder einfach solange mit Nahrung konfrontiert. Hatte ich schon etwas zu den Getränken gesagt? Nein? Gut. Es fällt auf, daß durchweg Alkoholfreies angeboten wird. Natürlich, was dachten Sie denn?! Es sind doch Kinder! Besser aufpassen, Herrschaften! Nein. Was mir wirklich auffällt ist die Tatsache, daß oft genau die Mütter, die (verständlich!) um jeden Preis vermeiden wollen, daß ihr einjähriger Sproß ein Kinderarztwartezimmer-Spielzeug in den Mund nimmt, dann aber eine Nuckelflasche, gefüllt mit süßem Saft oder Tee, aus der Designer-Wickeltasche herausholt. Da muß ich immer sofort an "Braune Zahn-Stummel" denken… Aber gut, Klischee hin oder her, und wo darin steckt Frau Magrat? Nun ja, ich war heute die Mutter, die ihrem Mittleren, den wieder einmal die Nesselsucht plagte, ein altes, zerknittertes Mini-Tütchen mit 10 Gummibärchen aus der Tasche angelte. Die hatte ich gefunden, als ich verzweifelt mein altes, zerknittertes Mini-Tütchen voll Kaffee-Bonbons suchte, um nicht  einzuschlafen und vom Stuhl zu kippen. Die Äpfel und Kekse hatte ich nämlich vergessen…

11 Antworten auf „Klischee-Mütter“

  1. Wieder mal wunderbar geschrieben! Kekskrümelspuckenass nehme ich gern in meinen Wortschatz auf ;-) Mal schauen, ob ich ähnliches berichten kann, gehen morgen früh zum Kinderarzt (Abklären ob Nico Soor hat oder doch nicht) – und deinem Mittleren gute Besserung!

  2. Hihi, dankeschön :-) !

    Na, ich hoffe, es dauert bei euch nicht so lange (war aber auch bei uns eher die Ausnahme, normal sind „nur“ zwei Stunden), und ich drücke natürlich die Daumen, daß euer Mäuschen keinen fiesen Soor hat… und auch nix anderes!

    Dann beobachte mal und schreib zurück, ob ich richtig liege mit meiner „Klischee-Beobachtung“! ;-)

  3. @Jana (noch einmal): Und – fast vergessen – danke für die Besserungswünsche, dank Fenistil ist es schnell wieder abgeklungen, jedenfalls für heute, mal sehen, wie die Rübe morgen früh aussieht… :-)

  4. ich habe von den Freßarien beim Kinderdokblog schon gelesen, aber in unserer Kinderarztpraxis noch nicht erlebt. Ich selber habe auch nur Wasser in der Trinkflasche mit, weil mein Sohn nichts anderes kennt und so schnell auch nicht kennen lernen soll. Ich würde auch gar nicht auf die Idee kommen, beim Arzt zu essen. Wie du schon schreibst, welcher Erwachsene macht das beim Arzt seines Vertrauens? Ich stelle mir gerade vor, wie ich beim Magen-Darm-Spezialisten meine Butterbrottschitte mit Salami und Gurkenscheibe genüsslich aufesse, während der nächste Patient zur Magendarmspiegelung aufgerufen wird. Oder beim Zahnarzt: wenn ich mir vor dem Besuch noch schnell im Wartezimmer einen Döner mit Knoblauch einverleibe. *lecker* Selbstverständlich lasse ich eine Rest für die nette Schwester übrig…

  5. Ihr Kind heißt Chantal, wenn es ein Mädchen ist, ansonsten vermutlich … nicht.

    Herrlich, alleine für Sätze wie diesen lohnt sich immer der Besuch auf diesem „Bildungsportal“ :D Der Rest des Artikels ist natürlich auch hervorragend und schafft es, die gesehenen Eindrücke eindrucksvoll über die Wortwahl an den Leser zu transportieren.

    Nun aber genug der -absolut verdienten- Lobeshymnen, denn ein Satz fehlt obigem Artikel dann doch, der so gut dazu gepasst hätte:

    „Schakkeline, komm bei die Mama, sonst klatscht et, aber kein Beifall, Fräulein!“ – Hab ich schon öfter gelesen, neulich im Supermarkt sogar, in leicht abgewandelter Form, live gehört… und beinahe unter dem Regal gelegen vor Lachen :D

  6. Das Warten, da das 3h- Ding, ist erklärbar. Durch pures Zerstören einer Illusion. Und zwar der Illusion, gewartet wird bei der besten Kinderärztin.
    Dritter Platz wäre drin, die #2 war ihre Nachbarin, arbeitet nun aber in der Schweiz. Mehr effektives Geld.
    Wie bei Bus Lenkenden auch.
    Beraterrepublik D: Anfangsgehalt Bus= 1900€, CH= >3000€ (und überall ist es da nicht soooo teuer).
    Ach so. Die Beraterrepublik D verzichtet auch recht solitär auf Beschäftigung der Kinderärztinnen aus dem global führendem Land in der Disziplin: Kuba.
    Warum? Fragt die FDP.

    Gibt es in jeder Stadt. Ist si wie MacD. Kriegt man nicht mehr weg.

  7. @Jana:
    Ganz schlimm war es auch in der PEKiP-Gruppe, in der ich mit unserer Großen war (bei meinen beiden Söhnen hab ich mir das dann verkniffen), damals wurde immer mit den Kindern zusammen Vesper gemacht: meine Tochter bekam trockenes Vollkornknäcke (das hat sie geliebt!) und Vollkorn-Apfel-Kekse ohne Zuckerzusatz und mitleidige Blicke von den anderen Müttern. Ich bekam hingegen… diese anderen Blicke, während sie ihren Kindern Spritzgebäck oral verabreichten. ;-)

    @Sascha:
    Danke für das Lob ;-) ! Ach ja, Schakkeline, natürlich, wie konnte ich DEN Spruch vergessen!!!

    @Blinkfeuer:
    Schade… meine schöne Illusion… *schnief*… da geht sie hin…
    Was also tun?
    Kinderärztin gegen Schweizer Buslenker ersetzen?
    Oder Ronald MacDonald fragen, ob sie Guido einstellen können?
    Besser noch: Zumutbare Burger-Wende-Arbeit jetzt auch für Regierungsriege! Nicht zu verwechseln mit der Bürger-Wende…

    Es ist alles so ungerecht…

  8. War erst neulich mit meiner Kurzen beim Kinderarzt und kann nur bestätigen, an der Geschichte ist nicht ein klitzekleines bisschen erfunden. Genauso läuft das da ab! – Gruselig!

    *lol* SEEEHR GEIL!!!

  9. Meine Kinder sind ja schon erwachsen und ich stelle aber mit sehr Genugtuung fest, dass sich innerhalb der letzten 25 Jahre gar nix – GAR NICHTS – geändert hat!
    Und falls das Kind gesundheitlich so stabil ist, dass man es kaum zum Kinderarzt schleppen muss, sind da auch Krabbelgruppen und Elternstammtische ein wunderbares Panoptikum.
    LG
    Sabienes

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