„Guten Appetit!“

– „Danke gleichfalls!“

So schallte es schon damals allmittäglich aus zwei Dutzend Kinderkehlen, als Frau Magrat in den ihr so verhaßten Kindergarten ging.

Gestern abend las ich unserem Jüngsten aus dem pädagogisch wertvollen „Pettersson & Findus“-Buch vor und kam zu der Stelle, wo Pettersson seinem Kater Findus die Funktion des Pfefferhuhns erläutert: „…etwas, wo ihm (dem Fuchs) der Appetit auf Hühner vergeht.“

Unser Jüngster: „Was? Appetit?“

Ich: „Ja, das kennst du doch, das sagen sie doch bestimmt bei euch im Kindergarten auch immer? Guten Appetit?  Und ihr Kinder sagt dann „Danke gleichfalls!“ – stimmts?  Und? Sagst du das dann auch immer?“

Unser Jüngster (ganz trocken): „Nein. Ich finde das doof.“

Dem war nix hinzuzufügen.

Schatten-König
Schatten-König

Überhaupt, was unser Jüngster (genannt: „Der König“) manchmal so raushaut. Während unseres erschröcklichen Jugendherbergsaufenthaltes zum Beispiel. Mein lieber Mann, den König auf dem Arm, sagt zum „Herbergsvater“: „Ja, nee, das will ich erst noch mit meiner Frau besprechen…“

Unser Jüngster (gesenkter Blick, Brummelstimme, vorwurfsvoll): „Du hast doch gar keine Frau…“

Nee, ist klar. Von wegen Frau, in den Augen meines Jüngsten bin ich halt die Mama, und aus. Pöh… Frau… Tzzzz….

Er ist ja ein Autonarr, der König. So richtig. Es ist ein Phänomen. Keiner von uns ist so verrückt nach Autos, Baustellenfahrzeugen, Flugzeugen, Eisenbahnen…

Frau Magrat hat ja da so eine eigene Theorie entwickelt:

Es handelt sich hier um ein Relikt aus grauer Vorzeit. Verantwortlich ist ein rudimentäres Gen, irgendwo auf einem Y-chromosomalen ATGC-Abschnitt codiert, rezessiv vererbt und daher nicht bei allen Männern auftretend. Es sorgt dafür, daß betroffene Männer und eben auch schon Jungs sofort aufmerksam werden, wenn etwas Großes, Lautes, Dampfendes, Schnaubendes oder Röhrendes in ihr Blickfeld oder in Hörweite gelangt.

Damals, vor einigen zig Tausenden von Jahren waren das halt noch Mammuts, Bären oder Raubkatzen. Da hieß es schließlich, sofort und unwillkürlich hellwach sein und auf die Jagd gehen, damit es abends am sprichwörtlichen Lagerfeuer bald wieder heißen konnte: „Guten Appetit!“

Heute, in Ermangelung von adäquatem Großwild, tritt derselbe Effekt eben auch auf, wenn sich etwas annähernd Großes wie zum Beispiel ein Bagger ins Blickfeld schiebt… Bloß die Jagd darauf ist nicht ohne weiteres möglich, deshalb wurde hier der Jagdtrieb teilweise durch den – ehemals eher femininen – Sammeltrieb ersetzt.

Es muß so sein. Warum sonst würde der König jedesmal begeistert rufen, wenn er einen Bagger/einen Kran/eine Eisenbahn sieht? Und warum sonst stehen bei uns mittlerweile soviele verschiedene Modellbagger in sämtlichen Größen, warum sonst liest Frau Magrat tagtäglich aus Büchern vor, in denen es um Straßenfertiger, Löffelbagger und Turmdrehkräne geht?

Des Königs Fahrzeug-Begeisterung treibt manchmal seltsame Blüten: Als unsere Große und ich im Frühjahr eifrig den Gartenkatalog wälzten und überlegten, welche Pflanzen wir auf unserem Balkon pflegen könnten, übertrafen wir uns gegenseitig mit Vorschlägen: „Vielleicht Erdbeeren? Oder…Himbeeren? Auf jeden Fall aber Brombeeren!“

Der König daraufhin, mit einem verschmitzten Lächeln: „Oder ’ne Autobeere?!“

Na dann: „Guten Appetit.“