Der Monk in mir…

… hat es ja nicht immer einfach.

Wo andere einfach nicht weiter drüber nachdenken, fängt Frau Magrat an, sich fürchterliche Dinge auszumalen. Dann spinnt und spinnt sie sich Sachen zurecht und das wirre Gedankenkarussell dreht und dreht sich immer weiter, bis einem übel ist. Buchstäblich.

Wer könnte was schon alles mit ungewaschenen Händen angefaßt haben, wer hat in diesen Betten wie geschlafen, und so weiter und so fort.

Wie bereits angekündigt: hier ein kurzer Front-Bericht von unserer Klassenfahrt. Erst einmal klarstellen: warum um alles in der Welt begleiten wir überhaupt unser großes Tochterkind auf ihrer Klassenfahrt? Das ist doch so ziemlich die letzte Gelegenheit, bei der man seine – und dann noch komplette – Familie dabei haben will!

Ja. Stimmt schon. Machen wir ja auch nicht aus Jux, sondern weil es nicht immer einfach ist, als – wenn auch nicht mehr kleines – Kind  ganz allein seinen Diabetes zu managen, zumal wenn eine Zöliakie hinzukommt, die es einem oft fast unmöglich macht, an den normalen (und somit fast immer glutenhaltigen) Mahlzeiten der anderen teilzunehmen.

Das fängt beim Brot und warmen Mittagessen an und hört beim Stockbrot am Lagerfeuer auf. Wenn man dann nachts den Blutzucker noch einmal messen muß, wenn andere Kinder schon schlafen und vielleicht noch unterzuckert ist, kann es schon einmal problematisch werden. Und im Falle einer starken Unterzuckerung mit Bewußtlosigkeit (die wir bis jetzt glücklicherweise noch nie hatten!) sollte auch jemand in der Nähe sein, der eine Notfallspritze geben kann. Dazu sind Lehrer und Erzieher nur in den seltensten Fällen bereit.

Deshalb also.

Montag früh ging es los. Für die Kinder. Wir brauchten ja erst nachmittags losfahren. Früher hätten wir es auch gar nicht geschafft.

Die erste Hürde: Frau Magrat bekommt einen akuten Panik-Ich schmeiße alles hin-Wir bleiben einfach hier-Das wird bestimmt ganz schrecklich-Anfall. Lethargisch male ich mir alles in den düstersten Farben aus, nahezu unfähig zu packen, die Pflanzen noch einmal zu gießen, die Fische noch einmal zu füttern. Nützt aber nix, wir müssen trotzdem los.

Nach einstündiger Herumzockelei gelangen wir ans Ziel. Der erste Eindruck: Aaaargh! Die ersten schäbigen Gebäude. Die Horror-Gardinen an den Fenstern können nur eines bedeuten: hinter jedem dieser Fenster sitzt wahrscheinlich eine mumifizierte Omma im Schaukelstuhl. Ohne Gebiß. (Ich halluziniere wohl bereits…)

Als sich dann herausstellt, daß wir in einem dieser Gebäude unsere Unterkunft beziehen sollen, bessert sich meine Laune auch nicht gerade. Zu viert wird uns ein Drei-Bett-Zimmer zugewiesen. Warum auch immer. Ich weiß es nicht. Alternativ hätten wir zwei Zwei-Bett-Zimmer belegen oder ein weiteres Bett in unser Zimmer stellen können. Toll.

Alles wirkt hier schmutzig, klebrig, staubig. Jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick stellt sich heraus: es IST schmutzig, klebrig und staubig. Ich kann meine Jacke nicht ausziehen und alles nur mit spitzen Fingern anfassen. „Es ist so HÄSSLICH!!!“ – bricht es aus mir heraus. Das Zimmer und das Bad sind rollstuhlgerecht, das ist eine gute Sache. Als ich mir die Hände waschen möchte, stellt sich heraus, daß es kein warmes Wasser gibt (jedenfalls nicht um die Uhrzeit, oder vielleicht hätte ich es noch eine Viertelstunde länger laufen lassen müssen), nur einen Rest Seife, nur einen Rest Klopapier, keinen Haken für ein Handtuch, das Wasser im Waschbecken quält sich stockend durch den Siphon. Ich bin…bedient. An Duschen ist nicht zu denken. Allein schon der Gedanke, wenn der Duschvorhang immer näher kommt und eh man sich’s versieht, klebt er an der Haut… Uäääh!

Bald schon stellt sich auch heraus, daß wir mehr Dinge zu Hause vergessen hatten, als wir eingepackt haben. Jedenfalls fast. In Gedanken mache ich eine Liste. Sie wird immer länger. Nudeln und Ketchup haben wir, aber kein Salz zum Kochen. Nicht so schlimm. Wir haben keinen Kaffee, das IST schlimm, haben wir aber dann vom Bäcker zwei Dörfer weiter geholt. Wir haben den Camping-Kocher mit und auch die Töpfe, aber das Feuerzeug ist leer. Lecker Bierchen und Red Bull vergessen. Auch das Knabberzeug für die Abende. Und so ging es weiter. Wir wollten uns ja selbst verpflegen. Also wurde improvisiert. Statt Bier und Red Bull gab es Mineralwasser. Zwieback und Reiswaffeln statt ungesunder Chips und Flips. Feuerzeugbenzin wurde durch ein wenig Spray ersetzt, Kaffee gab es türkisch, aus dem Satz lasen wir gleich unsere Zukunft für die nächsten 42 Tage heraus  („Du hast den GRIMM!“).

Sicher hätte man auch noch das ein oder andere im Kiosk der Jugendherberge holen können, aber der war meistens zu… weil der Herbergsvater so viel um die Ohren hatte. Da wir unseren Picknick-Rucksack NICHT vergessen hatten, konnten wir recht gemütlich speisen, mit der Tischdecke wurde das Geschirr abgetrocknet, welches wir vorher mit einer Stoffserviette abgewaschen hatten.

Im Gemeinschaftsraum, der sich auch in „unserem“ Haus befand, gab es glücklicherweise immer heißes Wasser und auch die Tische und Stühle machten einen ordentlichen Eindruck. Es war also nicht alles schlecht. Allerdings war der Kühlschrank im Gemeinschaftsraum eine wahre Brutstätte. Okay, es KANN einmal etwas auslaufen. Kühlschränke WERDEN mit der Zeit schmuddelig. Deshalb WISCHT man sie ja auch hin und wieder aus. Zum Beispiel, nachdem Gäste da waren und ihn in Benutzung hatte. Aber das hatte sich wohl noch nicht bis hierher rumgesprochen…

So eine Art „Bar“ befand sich hier auch noch. Eine kurze Exploration meinerseits – auf der vorsichtigen Suche nach Spülmittel, sauberen Lappen, Salz – brachte weitere ekelige Dinge ans Tageslicht. Hier ein Fach voller Zuckertütchen, Teebeutel und Ameisen, dort ein Spülenunterschrank voller schwarzer…Dinger, einem undichten Abfluß und einem Stromkabel in der Wasserpfütze, verschiedene Aschenbecher und ein Fach voll lose herumlungernder Gabel, Messer, Löffel, auf deren Gebrauch wir aber verzichteten.

Wie auch immer. Ach ja, das Gute, das wirklich Gute an der ganzen Sache war, daß wir das Haus mit dem laaangen Gang und den vielen verschlossenen Zimmern fast für uns allein hatten. Nicht auszudenken, wenn ein Großteil der Zimmer belegt gewesen wäre von anderen … Leuten. Wenn wir den Gemeinschaftsraum auch noch mit anderen hätten teilen müssen. Dann säße ich wahrscheinlich jetzt nicht hier und schrübe dies alles auf, dann hätten sie wahrscheinlich den Förster gerufen…

Frau Monk Magrat hatte es hier nicht leicht.

Für die zartbesaiteten unter Ihnen da draußen sowie für alle Jugendherbergsfanatiker und Zweckoptimisten: hier gibt es die Light-Version der Klassenfahrt, die positive, die schöne, die regenbogenfarbige Beschreibung. Bin ja kein Unmensch…

Zum Abschluß…Bilder:

2 Antworten auf „Der Monk in mir…“

  1. Die Beschreibung erinnert mich stark an die Jugendherbergen, die ich in meiner Kindheit / Jugend so zu Gesicht bekommen habe. Nur, dass man als Kind damit meistens halt weniger Probleme hat, als Junge sowieso^^ Da steht das „Abenteuer“ mehr im Vordergrund :D

  2. Also wir hatten bis jetzt nur gute Erfahrungen gemacht mit Jugendherbergen. Und diesmal fanden es selbst die Kinder häßlich (besonders die Mädchen ;-) ). Auch die Erzieherinnen/Lehrerinnen wirkten alle leicht angewidert…was ich irgendwie auch beruhigend fand, weil es dann nicht nur an mir liegen konnte – man weiß es ja manchmal nicht… :-D

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