Familienfeier

„Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut wie ich es gerne möchte und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern wie ihr es verdient!“

-Bilbo Beutlin, in seiner Rede zu seinem 111. Geburtstag-

Es gibt Dinge, über die kann ich erst schreiben, wenn sie hinter mir liegen. Zum Beispiel Familienfeiern. Speziell die, zu denen ich auch hingehe. Natürlich. Denn das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Wann immer es möglich ist, versuche ich, ihnen aus dem Weg zu gehen. Kranke Kinder, Kopfschmerzen, egal. Nicht, weil ich die betreffenden Personen nicht mag, sondern weil ich es furchtbar anstrengend finde. Es liegt mir nahezu nichts daran, mich mit mehreren Leuten irgendwo hinzusetzen und zu essen bzw. zu trinken. Denn letzten Endes läuft es ja genau darauf hinaus. Einen Raum zu betreten, in dem an der langen Geburtstagstafel schon ein gutes Dutzend Leute sitzen, die einen alle anstarren (zumindest kommt es einem so vor) und die vielleicht sogar erwarten, von Frau Magrat per Handschlag begrüßt zu werden, die wahrscheinlich sogar davon ausgehen, daß Frau Magrat sie sofort erkennen, unterscheiden und zuordnen kann. Doch davon bin ich weit entfernt. Eine Wahrnehmungsstörung hindert mich daran. Alles was ich erkenne, sind „Viele Leute“. Nicht einmal meine eigenen Eltern kann ich sofort identifizieren, ich muß erstmal „zur Ruhe kommen“, mich irgendwo hinsetzen, und dann langsam herumschauen, wer wo sitzt. Das kommt bei manch einem nicht so gut an. Wenn man, womöglich noch mit Sonnenbrille, wie ich es oft bevorzuge, ankommt, einen scheinbar arroganten Gesichtsausdruck aufsetzt (weil ich die „Vielen Leute“ nicht gleichzeitig alle anschauen kann und deshalb mit leerem Blick an allen vorbeidüse, in irgendeine Ecke des Raumes), wenn man nicht die Hand gibt (weil ich das nur im Notfall mache, es ist unangenehm und unhygienisch) und vor Aufregung vergißt, wenigstens auf den Tisch zu klopfen (mit dem sinnfreien Begleittext „Ich klopf mal auf den Tisch“) – was ich sonst immer vorziehe als Begrüßung – wenn man also SO hereinkommt, dann kann man eigentlich gleich schon wieder gehen.

Nichtsdestotrotz (eines meiner Lieblingswörter, noch schöner im Englischen: „nevertheless“): Gestern war eine. Ich war dabei. Es war…erträglich. Ich bin nicht ausgeflippt und hatte auch keinen „Auftritt“. Und das ist doch schon was. Allerdings entzieht sich mir nach wie vor der Sinn einer solchen Veranstaltung. Zu wissen, daß es der Verwandtschaft gut geht, genügt mir normalerweise völlig. Ein paar kurze Infos („Was macht eigentlich Onkel Soundso?“) – fertig. Das meiste vergesse ich sowieso gleich wieder. Wenn man gerne seinen Geburtstag/Hochzeit/Scheidung in großem Stil feiern möchte (also mit Gästen), warum nicht?

Ich habe meinen Geburtstag nicht mehr gefeiert, als ich zu alt für Kindergeburtstage war und wenn überhaupt, dann nur noch widerwillig. Mit Eltern und Großeltern. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt, selbst auch kaum noch eingeladen zu werden.

Aber sei’s drum: den meisten Leuten macht es eben Spaß zu feiern, also sollen sie ruhig. Solange ich nicht hin muß.